Jugendliche ohne Zukunft?
von Martin Schenk
Ich hab keinen Lehrabschluss, mein Leben ist sowieso gelaufen“, sagte ein 16-Jähriger zu den MitarbeiterInnen im Jugendzentrum.
Daraufhin beschlossen diese, etwas zu unternehmen. Und die offene Jugendarbeit begann das zu tun, was in ihrem Namen steht: Sie öffnete sich, hin zu Schulen und Ausbildungsstätten. Seither gibt es Hauptschulabschlusskurse „auf der Straße“
und Hilfe bei der Lehre.
Davon kann man lernen. Denn fast 100.000 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren haben keinen weiteren Abschluss über die Schulpflicht hinaus.
10.000 verlassen vorzeitig die Schule. Und 30.000 Kinder und Jugendliche in Österreich sind auf Unterstützung der Jugendwohlfahrt angewiesen.
Kinder und Jugendliche brauchen besondere Unterstützung und die richtige Hilfe, wenn es um die Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Berufsleben geht. Das gilt besonders für jene mit Behinderungen sowie für Kinder und Jugendliche,
die in Armut leben, Lernschwierigkeiten haben oder aus sogenannten „zerrütteten Familien“ stammen.
Das Projekt „Jobcoaching“ der Diakonie de La Tour bietet erfolgreich Begleitung, wenn es um Lehrstellen geht. Der Diakonie Flüchtlingsdienst hilft mit individuellen Lernplänen beim Schulbesuch in der neuen Heimat. In Oberösterreich begleitet
die Schulassistenz des Diakonie Zentrums Spattstraße in 237 Schulen Kinder und Jugendliche im Alltag; hilft beim Lernen, ist offenes Ohr bei Problemen und gibt Halt, wo sonst keiner wäre.
Das Jobcoaching in Kärnten, die Lernhilfe in Salzburg oder die Schulassistenz in Oberösterreich sind gute Beispiele für niederschwellige Angebote, also Unterstützung ohne Hürden, lebensnah, flexibel, unbürokratisch. Beispiel heißt aber auch, dass es
das alles nur bruchstückhaft gibt. Es bräuchte aber einen flächendeckenden Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit wie auch den Ausbau an den Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit. Da geht es auch darum, jungen Leuten,
die als „verloren“ gelten, Zukunft zu geben.
Lost Generation?
Im alltäglichen Gebrauch des Begriffs „Drop-out“ für SchulabbrecherInnen schwingt ungerechtfertigt eine negative Bedeutung mit, die sich nur gegen die Jugendlichen wendet, sagt Erna Nairz-Wirth von der Wirtschaftsuniversität Wien.
Neuere Forschungen zum Schulabbruch zeigen, so die Ökonomin, dass der
Ort des Scheiterns auch die Schule selbst ist. Nairz-Wirth unterscheidet drei Felder: den schulinternen Bereich, den Bereich außerhalb der Schule und das systemische Feld dazwischen. Risikofaktoren schulintern sind zu große Lerngruppen, mangelnde
pädagogische Kooperation oder der Mangel an Mentoring. Systemisch steigt das Risiko mit nicht vorhandenen ganztägigen Schulformen, dem System
des Sitzenbleibens oder mangelnder vorschulischer Angebote. Und außerschulisch läuft es falsch, wenn es keine Elternarbeit gibt, keine Öffnung zur Schulumgebung, zum Stadtteil oder keine Kooperation mit der offenen Jugendarbeit.
Die Situation für Jugendliche verschärft sich in Folge der Finanzkrise in ganz Europa. In Griechenland, Irland und den baltischen Ländern klettert die Jugendarbeitslosigkeit auf über 30 Prozent, in Spanien ist mittlerweile nahezu jede/r zweite Jugendliche
arbeitslos; insgesamt weisen elf von 27 Mitgliedsländern der EU eine Jugendarbeitslosenquote von mehr als 25 Prozent auf; 2007 war dies noch in
keinem einzigen Land der Fall. Eine verlorene Generation komme da, hört man schicksalsergeben die europäischen FinanzministerInnen im Fernsehen
jammern. Niemand ist so einfach verloren. Man kann viel tun. Die FinanzministerInnen Europas könnten Maßnahmen dagegen planen, statt die
Kosten der Finanzkrise aus den Sozialbudgets zu pressen – zugunsten der Krisenakteure im Finanzsektor, zulasten einer ganzen Generation. Der Kampf um die Verteilung der Krisenkosten ist noch nicht gelaufen. Und mit 16 Jahren das Leben auch nicht – wirklich nicht.
Frühe Hilfen
Vom Kleinkind- bis zum Vorschulalter bieten sich große Chancen, Kinder spielerisch und individuell zu fördern. Eine integrative Pädagogik ist in dieser Phase ein schützender und stärkender Faktor für das Selbstbewusstsein der Kinder. Und sie hilft, die in ihnen angelegten Möglichkeiten zu entfalten.
Ein guter Start in den ersten Wochen, Monaten und Jahren ist wichtig. Bekomme ich vom zukünftigen Leben den Geschmack von Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, von Vertrauen
und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt – oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit,
Angst und Stress geprägt oder von Vertrauen und Planbarkeit?
Die „frühen Hilfen“, sogenannte „early preventions“, haben einen großen Nutzen fürs Kind und auch für die Gesellschaft. Ziel ist es, Eltern so früh wie möglich umfassend bei der Aufgabe zu unterstützen, ihre Kinder gut und verlässlich zu versorgen
und eine sichere wie liebevolle Bindung zu ihnen aufzubauen. Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind legt den Grundstein für ein gutes Aufwachsen. Der Mensch wird am Du zum Ich. Wir brauchen – gerade am Anfang – den/die andere/n,
um zu uns selbst zu kommen. Kinder mit sicherer Bindung sind selbstbewusster, weniger aggressiv/depressiv und haben ein größeres Einfühlungsvermögen.
Der Vorteil der Eltern
Auch bei den Eltern wirkt es sich gut aus: in Form von höherer Selbstwirksamkeit, also der Erfahrung, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt. Investitionen im frühkindlichen Bereich haben den höchsten Return on Investment, zahlen sich am meisten aus. Ein investierter Dollar entspricht einer Rendite von acht Dollar, hat Nobelpreisträger James Heckmann für die USA errechnet. Bei benachteiligten Kindern
beträgt sie sogar 16 Dollar, eine Hebelwirkung von 1 zu 16. Zu keinem anderen Zeitpunkt kann man Zukunftsgeld so sinnvoll einsetzen wie zu diesem.
Zukunft trotz(t) Herkunft
Schule kann viel, aber nicht alles leisten. So hat Finnland Spitzenwerte bei der Unterstützung sozial benachteiligter Kinder, aber trotzdem eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die beste Schule nützt nichts, wenn die Übergänge zum Arbeitsmarkt mangelhaft sind oder Jobs fehlen.
Schule ist, auch wenn sie einen Großteil der Jahre verpflichtend ist, ein Angebot an Kinder und Jugendliche.
Nicht alle werden es im gleichen Maß nützen. Nicht erspart bleiben Lehrenden und Lernenden Auseinandersetzung, pädagogische Grenzziehung und auch Scheitern. Schule kann aber die Begabungsreserven der ihr anvertrauten Kinder
mehr oder weniger entwickeln und mehr oder weniger „ausschöpfen“. Alle internationalen Bildungsstudien zeigen dieselben Tendenzen auf.
Die sechs Faktoren
Die sechs entscheidenden Faktoren für Lernerfolg – nach ihrer Bedeutung geordnet – ergeben als wichtigste Kriterien
1. die Organisation des Schulsystems: den Grad der Selektivität, das heißt gemeinsame oder getrennte Schulform während der Pflichtschulzeit;
2. den sozioökonomischen Status der SchülerInnen:
Bildungsabschlüsse der Eltern, Berufspositionen der Eltern, kulturelle Güter im Haushalt;
3. die sozioökonomische Zusammensetzung der Schule;
4. die Schulressourcen;
5. die Schul- bzw. Unterrichtsprozesse und
6. das Schulklima und die Lernumgebung.
Ob eine Schule inklusiv ist oder nicht, liegt an der Schulorganisation genauso wie an der Unterrichtsqualität, an der Schulraumarchitektur und an der
LehrerInnenausbildung. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen.
Damit Zukunft nicht von der Herkunft abhängt, braucht es einen Bildungsweg, der nicht sozial selektiert, sondern individuell fördert, es braucht eine
ausgebaute Frühförderung vor dem Schuleintritt, und es braucht den politischen Willen, der wachsenden sozialen Polarisierung entgegenzutreten.
Wichtig wäre es auch, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken oder Regionen besonders gut auszustatten und zu fördern, damit sie für alle Einkommensschichten
attraktiv bleiben.
Abschiebende Wirkung
Die Frage, wie Kinder, die schwächer sind – sozial benachteiligte Kinder, Kinder, die aufgrund ihrer Herkunftsfamilie Probleme haben, Kinder mit Behinderungen oder einfach Kinder, die die Unterrichtssprache noch nicht gut beherrschen –, gestärkt
werden können, ist ja nicht neu. Die Idee, homogene Gruppen mit den Schwächeren zu bilden und diese im Namen der Integration von den Stärkeren zu trennen, ist auch nicht neu.
Es waren immer die Gleichen, die von den Schwächeren „Integration“ gefordert haben, um sie dann – wenn’s ernst wurde – in Segregationsmodelle zu stecken.
„Wer nicht in das Schema passt, wird in eine Nische geschoben und dort von Spezialisten unterrichtet.
Das ist ein System mit abschiebender Wirkung“, analysiert Werner Specht, Experte für Schulentwicklung an der Universität Salzburg.
Vorteile für alle
Was es braucht, sind Lernbedingungen, die allen Vorteile bringen: „Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist derselbe wie der Weg, auf dem die
Starken sich vervollkommnen“, hat die Pädagogin Maria Montessori formuliert, als sie im Armenviertel Roms ihre „Casa dei Bambini“ errichtete.
Was den Schwachen guttut, das nützt auch den Starken – wenn die Bedingungen stimmen. Denn wenn es zu wenig IntegrationslehrerInnen für Kinder
mit Behinderungen gibt, wenn geschlossene „Ausländerklassen“ zum Deutschlernen errichtet werden, wenn leistungshomogene Restklassen entstehen,
wenn die Klassen überfüllt sind, wenn die Raumarchitektur flexible Lernformen nicht zulässt – dann wird es nichts mit dem Nutzen für alle.
Info
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