Aandachtsstätte
von Pfr. Michael Chalupka
Die Belgier sind für vieles bekannt, für ihre Schokolade, ihr Kirschbier, Muscheln mit Pommes frites und in letzter Zeit dafür, dass die politischen Parteien nach der letzten Wahl 541 Tage gebraucht haben, um eine Regierung zustandezubringen. Für ihre besondere Frömmigkeit sind die Belgier aber nicht bekannt. Da hat es mich schon erstaunt, mitten in der Altstadt von Brügge plötzlich vor einem Verkehrschild zu stehen, das eindringlich in weisser Schrift auf rotem Grund zur Andacht gemahnt hat.
"Aandacht!" steht auf dem Schild zu lesen, darunter ist ein Mann mit einem Kind an der Hand zu sehen. Beeindruckt hab ich mich umgesehen, eine Heiligenfigur, ein Marterl oder wenigstens eine Inschrift gesucht. Doch nichts Anbetungswürdiges war zu bemerken. Nur Kopfsteinpflaster und eine schmale Gasse zwischen den Häusern.
Doch das Rätsel klärte sich schnell. Der Aufruf zur Andacht richtet sich an die Radfahrer, die auf die Fußgänger achtgeben sollen. Im Flämischen bedeutet das Wörtchen "Aandacht" soviel wie Achtung oder "Aufmerksamkeit".
Das gefällt mir. Andächtig zu sein, eine Andacht zu halten ist ja nie nur ein in sich hineinhören, ein Akt der Nabelschau, sondern macht aufmerksam und wach und hilft dazu, Acht zu geben auf sich und seine Umwelt. Wenn es hilft, mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit im alltäglichen Umgang miteinander zu entwickeln, dann könnte ich mir solche Verkehrsschilder, die zur Andacht rufen, auch bei uns ganz gut vorstellen.
