Das Märchen von der Nächstenliebe
von Pfr. Michael Chalupka
Ein Kirschbaum blüht im Winter. Eine Frau wird wie durch ein Wunder vom Krebs geheilt. So endet der jüngste Film „Le Havre“ des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki. Nicht überraschend, dass die Filmkritik das Werk als modernes Märchen sieht. Märchen haben wenig mit der Realität zu tun, übersteigen sie. Aber: Sie spiegeln die Wirklichkeit, indem sie nicht zeigen was ist, sondern was sein könnte. Märchen zeigen Potentiale auf.
Dabei geht es in „Le Havre“ um sehr reale Probleme. Eine afrikanische Familie wird im Hafen von Le Havre in einem Container entdeckt und soll abgeschoben werden. Einem kleinen Jungen gelingt es davonzulaufen. Bevor ihn die Polizei entdeckt, begegnet er einem alternden Ex-Schriftsteller, der sich sein karges Leben verdient, indem er Schuhe putzt. Er nimmt den Jungen auf, gibt ihm zu essen. Die Nachbarn helfen. Im Lauf der Handlung „entdeckt sogar der Kommissar die Nächstenliebe“, wie ein Filmkritiker schreibt. Schlussendlich bringt ein Fischer den Jungen nach London zu seiner Mutter; die Frau des Schuhputzers wird geheilt; der Kirschbaum beginnt zu blühen.
Zu essen geben, beherbergen, beschützen sind alltägliche Handlungen im Umgang mit Kindern. Nächstenliebe ist zum alltäglichen Gebrauch bestimmt. Und dennoch ist der Film ein Märchen. Regisseur Aki Kaurismäki meint, er sei ein zu großer Pessimist, um die Realität ertragen zu können, deswegen werden seine Filme Märchen. Doch Märchen zeigen Potentiale auf.
