01.07.2010

Michael Chalupka: Dankesrede Kardinal Königpreis 2010

Diakonie und Caritas sind die Preisträger des "Kardinal König-Preises 2010".
Die Kardinal König-Stiftung wolle durch die Preisverleihung die Verdienste der beiden kirchlichen Organisationen "um Menschen an den Rändern der Gesellschaft und an den Rändern des Lebens" würdigen, so lautet die Begründung.
Am 24. Juni 2010 fand im Festsaal des Erzbischöflichen Palais in Wien die Preisverleihung statt, im Zuge dessen der Diakonie-Direktor Pfarrer Mag. Michael Chalupka folgende Dankesrede hielt.

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Eminenzen, Exzellenzen,
sehr geehrte Damen und Herren!

Die frohe Kunde der Zuerkennung des Kardinal König Preises erreichte mich in den ehrwürdigen Mauern eines Bollwerks der Gegenreformation, der ehemaligen Kirche der Schwarzspanier, des heutigen Albert Schweitzer Hauses. Die Mauern bebten nicht, sie haben schon vieles erlebt: Die Enteignung der Benediktiner von Montserrat durch Josef II, die Umwandlung in die Evangelische Garnisonskirche, die Bomben des Zweiten Weltkriegs und den Wiederaufbau als Zentrum protestantischer Provokationen und schließlich als Haus der Diakonie. Aber die Mauern staunten und freuten sich mit mir.

Ist es zuviel der Interpretation, wenn man die Verleihung des Kardinal Königpreises an Caritas und Diakonie in trauter Zweisamkeit als Epilog der Geschichte von Reformation und Gegenreformation in Österreich begreifen mag?

Friedrich Heer hat ja in „der Kampf um die österreichische Identität“ gemeint: „Der Österreicher hat eine verdeckte Seele: Er deckt sich nicht auf, er sagt nicht was er „wirklich“ denkt, glaubt, fühlt, über die ersten und die letzten Dinge in Gott, Staat, in seiner eigenen Seele.“
Diese verdeckte Seele, die sich auch manchmal duckt vor der Obrigkeit und verschweigt vor der Öffentlichkeit, hat Friedrich Heer ja nicht zuletzt auf die Zeit des Geheimprotestantismus und der Gegenreformation zurückgeführt.

Eines, meine ich der Begründung des Kuratoriums der Kardinal König Stiftung für die Preisverleihung entnehmen zu können: Für das Schweigen, dafür, dass Caritas und Diakonie nicht gesagt hätten, was sie wirklich denken und für das Ducken vor der Obrigkeit, hat sie uns diesen Preis nicht zugesprochen.

Doch um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Der Preis wurde wohl auch kaum für einen revolutionären Gestus, oder eine Rhetorik des Widerstands zuerkannt. Caritas und Diakonie verstehen sich nicht als Sand im Getriebe der Republik und auch nicht als moralische Instanz, vielleicht so manches Mal als Stachel im müden Fleisch.

Beim Einsatz für die Menschen an den Rändern der Gesellschaft und an den Rändern des Lebens, geht es im Grunde um ein Prinzip, das uns Protestanten ins Herz geschrieben ist: es geht um die Freiheit, die jedem Menschen geschenkt ist und die in die Verantwortung führt.

Wenn Menschen durch materielle Not und Armut nicht von ihrer Freiheit Gebrauch machen können, wenn ihnen Ressourcen vorenthalten werden, die es ihnen erlauben würden ihr Leben in Freiheit zu gestalten, dann ist sowohl konkrete Hilfe, Beratung und Unterstützung gefordert, wie auch ein Wort, das klar benennt, dass eine Gesellschaft ihrer Verantwortung allen Bürgerinnen und Bürgern Zugang zur Freiheit zu geben, nicht nachkommt und Politik versagt, wenn Sie die Armen zum Objekt des politischen Ränkespiels macht.

Wenn Menschen im Alter, die Freiheit versagt wird über die Art und Weise ihrer Betreuung selbst zu entscheiden, da ein Lebensrisiko nicht solidarisch getragen wird, sondern den Einzelnen auf sich selbst und die Seinen zurückwirft, da sind konkrete Betreuungsmodelle gefragt, wie auch ein Wort, das klar benennt, dass eine Gesellschaft Verantwortung trägt auch für die, deren Kräfte nachlassen.

Wenn Menschen Schutz suchen in diesem Land, der Unfreiheit entfliehen und auf Freiheit hoffen, dann ist Hilfe gefragt, ein Dach über dem Kopf, Rat und therapeutische Unterstützung nach erlittenen Traumata und ein entschiedenes Wort, das klar benennt, dass Schubhaft, Misstrauen und Abschottung und das Zerreißen von Familien, die Werte einer Gesellschaft untergräbt, auf denen sie aufgebaut ist.

Deshalb freuen sich heute viele tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie, die täglich versuchen, Tun und Reden in Einklang zu bringen, dass eine zu tun und das andere nicht zu lassen, über die Zuerkennung des Kardinal König Preises.
Ich freue mich, dass ich hier für sie alle Dank sagen kann.

Wenn die Protestanten etwas in diese Gesellschaft einbringen können, dann ist es die Betonung der Verschränkung von Freiheit und Verantwortung. Der große Evangelische Theologe und Lehrer wohl aller, die heute in der Evangelischen Kirche Verantwortung tragen, Wilhelm Dantine, hat schon 1959 in seinem Aufsatz:“ Das Protestantische Abenteuer in einer nicht protestantischen Umwelt“ geschrieben:
„Wer die Atmosphäre österreichischer Amtsstuben aber auch der Parteisekretariate und Gewerkschaftsbüros kennt, spürt sofort, wie noch immer der Begriff personaler Freiheit eine sehr platonische Sache ist. Ihr haftet noch immer etwas Unbotmäßiges, ja Ungehöriges an. Der kantische Zusammenklang von sittlicher Freiheit und Pflicht wurde niemals als prägende Kraft von der Gesellschaft erfahren. Dass Freiheit gar ein Geschenk Gottes, Frucht des Glaubens sein darf und in die Zucht und Hingabe an einen höheren Willen führt, ist eine kaum vernommene Botschaft.“

Freiheit und Verantwortung gehören zusammen.
Wenn die Diakonie sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt, dann geht es darum Freiheit und Selbstbestimmung zu fördern.
Wenn die Diakonie sich für ein Bildungssystem einsetzt, dass Chancen für alle bietet, geht es darum allen in der Gesellschaft, seien sie hier oder anderswo geboren, seien es Menschen mit oder ohne Behinderungen, die Möglichkeit zu geben, Gebrauch von ihrer Freiheit machen zu können, um Verantwortung für diese Gesellschaft übernehmen zu können.
Wenn die Diakonie versucht Jugendlichen einen Halt zu geben, die sich durch Drogen, oder Gewalt gegen sich und andere zu entgrenzen suchen, dann geht es darum Grenzen zu setzen, die in die Freiheit führen und in die Verantwortung.

Die Caritas ist uns dabei Partnerin, Weggefährtin und Freundin, manchmal mit uns, oft vor uns und selten auch hinter uns. Wir fühlen uns verstanden in unserem evangelischen Bemühen um Freiheit und Verantwortung, vereint aus der einen Quelle des Evangeliums schöpfend.

Ich komme zurück zu meiner Eingangsfrage:
Ist es zuviel der Interpretation, wenn man die Verleihung des Kardinal Königpreises an Caritas und Diakonie in trauter Zweisamkeit als Epilog der Geschichte von Reformation und Gegenreformation in Österreich begreifen mag?

Es ist ein Epilog, aber auch und vor allem ein Prolog ökumenischer Durchdringung der Gesellschaft mit Liebe zur Freiheit und Mut zur Verantwortung.
Das Erbe der Gegenreformation ist in diesem Land lebendig, der fatale Hang zum Feudalismus, die verdeckte Seele, das Ducken vor der Obrigkeit, das Schweigen, wenn man reden sollte, all das ist nicht verschwunden, sondern hat sich säkularisiert. Auch dass personale Freiheit als platonische Angelegenheit gesehen wird, ist uns heute nicht fremd.
Doch wie es mir scheint, der katholischen Caritas und ihren Vertretern ist das alles durchaus nicht eigen. Und so freue ich mich Sie auf der Seite der Freiheit und Verantwortung begrüßen zu dürfen.

Das soll keine Eingemeindung und Reprotestantisierung bedeuten, sondern eine herzliche ökumenische Umarmung.

Kardinal König hat bei einem Vortrag auf einer ökumenischen Konferenz in Helsinki einmal seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, dass das ökumenische Anliegen durch die Konfrontation mit der säkularen Welt starken Auftrieb erhalte. Und er hat seinen Vortrag mit seiner Erfahrung beschlossen, dass diejenigen, die aus den geistigen Erfahrungen der Christenheit schöpfen, hellsichtig die großen Zusammenhänge erkennen. „Es werden jene weisen Menschen sein, die imstande sind, den Marsch der Menschheit durch die Wüsten der Zukunft zu leiten und Wege zu weisen.“ Er selbst ist zu einem jener weisen Menschen geworden und eröffnete Wege für die Ökumene, die wir heute dankbar begehen. Und Franz Küberl und Michael Landau folgen seinen Spuren der Weisheit, wie auch das Kuratorium der Franz König Stiftung, dem ich nur aus ganzem Herzen danken kann.