04.08.2012

Sitzblockade

Drama und Triumph, Sieg und Niederlage liegen im Sport so eng beieinander wie sonst nur im Leben. Nur: Hier im Leben werden die Tragödien und Erfolge bloß dem einzelnen deutlich und nicht öffentlich vor allen zelebriert.
Im Halbfinale der Degenfechterinnen bei den Olympischen Spielen am Anfang der vergangenen Woche geschah Außergewöhnliches. Shin A-Lam, südkoreanische Fechterin und Gegnerin der deutschen Britta Heidemann, blockierte eineinhalb Stunden lang weinend die Fechtbahn – aus Trauer, Wut und Protest über eine endlos diskutierte Schiedsrichterentscheidung, die zu ihren Ungunsten ausgegangen war. Sie blieb einfach sitzen und war nicht von der Stelle zu bewegen. In Tränen aufgelöst, wurde sie zum Fanal der Trauer und Wut über die Ungerechtigkeit der Welt.

Mich haben die Bilder von Shin A-Lam berührt. Denn öffentliche Trauer, zur Schau gestellte Wut und Hilflosigkeit sieht man nicht so oft, sie schicken sich nicht. Bewundert werden Menschen, die ihre Schicksal tragen, die ihre Gefühle runterschlucken,  Haltung bewahren, auch wenn ihnen das Leben soeben den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Trauer scheint Privatsache im stillen Kämmerchen zu sein.

Doch wenn eine wie Shin A-Lam sich himmelschreiender Ungerechtigkeit ausgesetzt sieht, warum sollte sie ihre Trauer nicht zum Himmel schreien dürfen? Auf dass die Götter sie hören müssen, seien es auch nur die des olympischen Fechtkomitees.