Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld, sondern ein Mangel an Möglichkeiten.

Armut bedeutet einen täglichen Drahtseilakt zwischen „es gerade noch schaffen“ und Absturz. Die Betroffenen sind bunter als der schnelle Blick glauben macht. Der Dauerpraktikant mit Uni-Abschluss und der Schulabbrecher, die Alleinerzieherin und die Langzeitarbeitslose, das Mädchen in der Leiharbeitsfirma wie der Sohn als Ich-AG. Kürzlich in der Beratungsstelle der Stadtdiakonie Wien: eine junge Frau mit zwei Kindern, deren prekäres Einkommen so gering ist, dass sie sich entscheiden muss: Zahle ich die Krankenversicherung oder die Miete oder die Hefte zum Schulanfang für die Kinder?

Armut bedeutet, dass es an etwas mangelt, Reichtum, dass etwas in Fülle da ist.
Armut ist relativ.

Sie setzt sich stets ins Verhältnis, egal wo. Sie manifestiert sich in reichen Ländern anders als in Kalkutta. Menschen, die in Österreich von 300 oder 500 Euro im Monat leben müssen, hilft es wenig, dass sie mit diesem Geld in Kalkutta gut auskommen könnten. Die Miete ist hier zu zahlen, die Heizkosten sind hier zu begleichen, und die Kinder gehen hier zur Schule. Armut ist das Leben, das die wenigsten gegen ihr eigenes tauschen wollen.

Nur beim Sterben werden Arme bevorzugt
Arme haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die die kleinsten und feuchtesten Wohnungen, die krankmachendsten Tätigkeiten,wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um einige Jahre früher als Angehörige der höchsten Einkommensschicht.

Manifeste Armut
Die Statistik Austria (2009) spricht von „manifester Armut“, wenn neben einem geringen Einkommen schwierigste Lebensbedingungen auftreten: Die Betroffenen können abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht angemessen warm halten, keine unerwarteten Ausgaben tätigen, sie weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, sind chronisch krank, leben in feuchten, schimmligen Wohnungen.

Armut ist eine der existenziellsten Formen von Freiheitsverlust.

Armut ist nicht nur ein Mangel an Gütern. Es geht immer auch um die Fähigkeit, diese Güter in Freiheiten umzuwandeln. Güter sind begehrt, um der Freiheiten willen, die sie einem verschaffen. Zwar benötigt man dazu Güter, aber es ist nicht allein der Umfang der Güter, der bestimmt, ob diese Freiheit vorhanden ist. Die Freiheit zum Beispiel, über Raum zu verfügen, aus einer runtergekommen Wohnung wegziehen zu können oder eben nicht. Oder sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zeigen zu können oder nicht. In der Armut kann man sein Gesicht vor anderen verlieren. Oder die Verfügbarkeit über Zeit: Mütter in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit, die nicht entscheiden können, wann und wie lange sie arbeiten und wann eben nicht.

Managerkrankheit bei Armen

Oder die Freiheit, sich zu erholen: Die sogenannte Managerkrankheit mit Bluthochdruck und Infarktrisiko tritt bei Armen dreimal so häufig auf wie bei den Managern selbst. Nicht weil die Manager weniger Stress haben, sondern weil sie die Freiheit haben, den Stress zu unterbrechen: mit einem Flug nach Paris oder einem guten Abendessen.

Armut ist ein Mangel an Möglichkeiten.
Von Freiheit können wir erst sprechen, wenn sie auch die Freiheit der Benachteiligten miteinschließt. Deshalb sollen Armutsbetroffene Subjekte und keine Objekte ökonomischen  Handelns sein. Liberalisierung, die die Wahlmöglichkeiten und Freiheitschancen der Einkommensschwächsten einschränkt, ist eine halbierte Freiheit. Bei der Analyse sozialer Gerechtigkeit geht es immer auch darum, den Nutzen für den Einzelnen nach den „Verwirklichungschancen“ der Ärmsten zu beurteilen. Denn Freiheit erschließt sich für den Menschen, der vor einem Baum voll mit Birnen steht, nicht dadurch, dass es einen Birnbaum gibt; sondern erst dadurch, dass dem Kleinsten eine Leiter zur Verfügung steht. Das wäre in diesem Fall die Möglichkeit, die es braucht, um Güter in persönliche Freiheiten umzusetzen.

Persönliche Freiheit bedarf entsprechender Möglichkeiten

Möglichkeiten sind Infrastruktur, ein Bildungssystem, Leitern sozialen Aufstiegs, Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc. Alle gute Ausbildung nützt nichts, wenn es keine Jobs gibt. Und alle Möglichkeiten nützen nichts, wenn der Birnbaum mit einer Mauer abgesperrt ist. Freiheit erschließt sich aus dem Zusammenwirken von Gütern, Möglichkeiten und Fähigkeiten.

Working Poor
Zugenommen haben in den letzten Jahren die Zahl der „Working Poor“, die Arbeitslosigkeit am Anfang und am Ende der Erwerbsbiografie, die psychischen Erkrankungen und die Lebenshaltungskosten beim Wohnen. Es nehmen prekäre Jobs zu, mit daraus folgendem nicht existenzsicherndem Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Weiters haben Personen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen am Arbeitsmarkt schlechte Chancen. Besonders nehmen depressive Erschöpfungszustände zu. Dann treffen die steigenden Lebenshaltungskosten beim Wohnen Menschen mit geringem Einkommen überproportional stark.

Gesellschaftliche Ungleichheit erzeugt Dauerarmut

Die Chance, aus der Armut herauszukommen, steht in enger Wechselbeziehung zu gesellschaftlicher Ungleichheit insgesamt. Je sozial gespaltener eine Gesellschaft ist, desto mehr Dauerarmut existiert.
Je mehr Dauerarmut existiert, desto stärker beeinträchtigt sind die Zukunftschancen sozial benachteiligter Jugendlicher. Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern reiche Eltern. Die Eltern der sozial benachteiligten Jugendlichen sind erwerbslos, alleinerziehend, krank, zugewandert oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können.

Entweder - Oder
In den Diakonie-Beratungsstellen sehen wir: Leute mit geringen Einkommen können sich beispielsweise keine private Pensionsversicherung leisten, außer sie zahlen die Miete oder die Heizkosten nicht mehr. Wer ein geringes Einkommen hat, ist stärker auf die öffentliche Infrastruktur angewiesen: auf Kinderbetreuung, öffentlichen Verkehr, Schule oder sozialen Wohnbau. Einer Frau im Niedriglohnsektor nützt eine Grundsicherung von 700 Euro gar nichts, wenn gleichzeitig die Miete massiv ansteigt, es keine Kinderbetreuung gibt, beim  Arzt immer gezahlt werden muss, Gebühren steigen, die Schule keine kostenlose Nachmittagsförderung für ihr Kind anbietet, die Pensionsversicherung privat
gezahlt werden soll.

Armut ist multidimensional und ihre Entstehung multifaktoriell.
Deshalb sind die Instrumente zu ihrer Bekämpfung auch multidimensional anzulegen. Armutsbekämpfung ist erfolgreich, wo der Mensch als Ganzes gesehen wird. Wer mit Arbeitslosen zu tun hat, denkt an Bildung, an Existenzsicherung, an Wohnen, Familie, Gesundheit. Wer mit Gesundheitsfragen von Armutsbetroffenen zu tun hat, sorgt sich um Beschäftigung, schimmelfreie Wohnungen, Bildung, Erholungsmöglichkeiten und eine Lösung der stressenden Existenzangst. Davon kann besonders die Politik lernen – und statt sektoral und in eingeschlossenen Handlungsfeldern besser in Zusammenhängen denken: Gesundheitspolitik ist Wohnungspolitik, Bildungspolitik ist Sozialpolitik, Stadtplanung ist Integrationspolitik.

Strategien gegen die Armut
Für die Reduzierung der Armut braucht es einen ganzheitlichen Zugang, einen integrierten Ansatz, die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken.
So vermeiden zum Beispiel die  höchsten Familienzuschüsse allein Armut noch nicht, sonst müsste Österreich die geringste Kinderarmut haben; die hat aber Dänemark – mit einer besseren sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems, einem bunteren Netz von Kinderbetreuung wie auch vorschulischer Förderung und höheren Erwerbsmöglichkeiten von Frauen.

Reiche Raucher leben länger als arme Raucher.
„Arbeit schaffen“ allein vermeidet Armut offensichtlich nicht, sonst dürfte es keine „Working Poor“ in Österreich geben. Eine Familie muss von ihrer Arbeit auch leben können.
Und Anti- Raucher-Kampagnen allein vermeiden das hohe Erkrankungsrisiko Ärmerer offensichtlich nicht, sonst würden arme Raucher nicht früher sterben als reiche Raucher. Deutschlernen allein reduziert Armut und Ausgrenzung allein offensichtlich nicht, sonst müssten die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten bestens integriert sein, sie sprechen tadellos Französisch, es fehlt aber an Jobs, Aufstiegsmöglichkeiten, guten Schulen.

Ein Schlüssel braucht immer auch ein Schloss.

Die einen investieren nur in Schlüssel, die anderen nur in Schlösser, und dann wundern sich alle, dass die Türen nicht aufgehen. Armut bringt nicht nur zum Ausdruck, was ein Mensch braucht, sondern vielmehr auch, was die Gesellschaft ihm zuzugestehen bereit ist. So geht es bei Maßnahmen gegen Armut und soziale Ausgrenzung um eine Sozialpolitik, die die Betroffenen nicht bevormundet, sondern ihre Freiheiten und Wahlmöglichkeiten vergrößert. Wie eine Gesellschaft mit den „Ausgegrenzten“, den „Anderen“ umgeht – seien  es Arme, Zugewanderte, Langzeitarbeitslose –, ist wie ein Seismograf für ihren inneren Zustand, nicht zuletzt für ihre Neigung zu Autoritarismus und einer Politik des Sündenbocks.

Daher geht es beim Engagement gegen Armut nicht bloß um sozialen Ausgleich, sondern gleichzeitig auch um das Maß an Freiheit im Land.
Cover Diakonie Themen "Leben am Limit"

Info

Martin Schenk
ist Sozialexperte der Diakonie Österreich.

Der Text dieser Seite stammt aus dem Magazin "Diakonie Themen".
Es handelt sich um die Ausgabe:
"Leben am Limit"


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Bettina Klinger
bettina.klingerATdiakonie.at

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