Verdacht auf Autismus – Ein Ratgeber für Eltern und Pädagog:innen
- Story
Viele Eltern stellen sich irgendwann diese Frage – besonders dann, wenn ihr Kind sich anders entwickelt als Gleichaltrige. Es sind oft kleine Dinge, die auffallen: ungewöhnliche Spielweisen, wenig Blickkontakt, starke Routinen oder Schwierigkeiten im sozialen Miteinander.
Wenn Eltern ein unbestimmtes Gefühl haben, dass „etwas anders“ ist, kann das ein erster Hinweis auf Autismus bei Kindern sein. Der Weg von diesem ersten Verdacht bis zu einer möglichen Diagnose ist emotional aufwühlend – geprägt von Unsicherheit, Trauer, Hoffnung, Erleichterung und Erschöpfung.
Was Eltern bei Autismus-Verdacht tun können
Wenn Sie vermuten, dass Ihr Kind autistische Merkmale zeigt, helfen folgende Schritte:
- Dokumentieren Sie Ihre Beobachtungen von Verhaltensweisen, die in ihren Augen auffällig sind und wann diese auftreten. Diese Dokumentation hilft im Gespräch mit Fachpersonal.
- Holen Sie sich professionellen Rat, wenn Sie unsicher ist. Eine erste Anlaufstelle das pädagogische Personal Ihres Kindes sein, die Kinderärztin, ein klinischer Psychologe oder eine fachspezifische Beratungsstelle
- Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, denn es gibt Verhaltensweisen, die Kinder im Autismus Spektrum an den Tag legen, aber eine andere Ursache haben. Erst eine Diagnose bringt Klarheit.
- Sollte es zu einer Diagnose kommen, informieren Sie sich, denn Wissen kann Ängste verringern. Holen Sie sich Unterstützung und Austausch mit anderen Eltern oder in einer Familiengruppe oder psychologischer Begleitung für Eltern und Geschwister.
- Wenn Ihr Kind im Autismus Spektrum ist, ermöglichen Sie frühzeitig empfohlene Förderungen unter professioneller Anleitung.
- Auch wenn es schwierig ist, üben Sie sich in Geduld und Akzeptanz. Der Prozess bis zur Diagnose kann lange dauern. Sehen Sie die Einzigartigkeit und Stärken in Ihrem Kind.
- Sie sind nicht alleine und es gibt mittlerweile gute Förder- und Therapiemöglichkeiten sowie inklusive Schulen und Kindergärten und spezialisiertes Fachpersonal in den pädagogischen Einrichtungen, die Ihr Kind in seiner Entwicklung begleiten.
Was Pädagog:innen bei Autismus Verdacht tun können
Auch in Kindergarten oder Schule fällt es Pädagog*innen oft als Erste auf, wenn ein Kind besondere Verhaltensweisen zeigt. Diese Schritte können helfen:
- Dokumentieren Sie Ihre Beobachtungen von Verhaltensweisen, die in ihren Augen auffällig sind und wann diese auftreten. Diese Dokumentation hilft im Gespräch mit Fachpersonal.
- Bleiben Sie ruhig und äußern Sie Ihren Verdacht nicht voreilig gegenüber dem Kind.
- Wenden Sie sich an Kolleg:innen, die Erfahrung haben wie Sonder- oder Inklusionspädagog:innen
- Wenden Sie sich an die Eltern und teilen Sie Ihnen die Beobachtungen mit, bleiben Sie beim konkreten Verhalten und sprechen keine Diagnosen aus. Das sollte nur Fachpersonal machen. Sie können fragen, ob die Eltern ähnliche Verhaltensmuster von zu Hause kennen.
- Empfehlen Sie den Eltern, Fachpersonal zu Rate zu ziehen.
- Stärken Sie das Kind und holen Sie sich Unterstützung von Sonderpädagog:innen für den Alltag im Kindergarten oder der Schule
- Eignen Sie sich Wissen über Autismus und Neurodiversität an
Was ist Autismus?
Autismus ist eine angeborene, neurologisch bedingte Form des Denkens, Wahrnehmens und Fühlens. Menschen im Autismus-Spektrum erleben die Welt oft anders:
- Sie zeigen häufig Besonderheiten im sozialen Miteinander
- Kommunizieren anders (verbal oder nonverbal)
- Haben oft intensive Interessen und klare Routinen
Autismus ist keine Krankheit, sondern ein Teil der menschlichen Vielfalt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Neurodiversität. Neurodiversität bedeutet „unterschiedliche Wahrnehmung“: Menschen denken, fühlen, lernen und erleben die Welt auf unterschiedliche Weise – und das ist normal. Statt von „Störungen“ zu sprechen, sehen wir neurologische Unterschiede als Teil der menschlichen Vielfalt.
Neurodiversität: was gehört noch dazu?
Neben Autismus zählen zu den häufigsten Formen von Neurodiversität:
- ADHS / ADS: Besonderheiten bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle
- Hochsensibilität: Das Kind nimmt Geräusche, Gerüche oder Gefühle stärker wahr als andere. (Ist meist keine Diagnose, aber relevant für die Art, wie sich Kinder in Gruppen verhalten)
- Hochbegabung: Das Kind kann viele Dinge besonders gut und denkt schneller als andere. Oft fühlt es auch sehr stark.
- Tourette-Syndrom: Das Kind macht manchmal unwillkürliche Bewegungen oder Geräusche (sogenannte Tics), ohne es zu wollen. Oft ist es auch sehr kreativ und hat Sinn für Humor.
- Sprachentwicklungsstörungen (SES): Unterschiede beim Sprachverstehen und -gebrauch
- Nichtsprechende Kommunikation: Das Kind spricht nicht, sondern zeigt mit anderen Zeichen oder Gesten, was es möchte. Das kommt zum Beispiel bei autistischen oder mehrfachbehinderten Kindern vor
- Legasthenie / Dyskalkulie: Herausforderungen beim Lesen, Schreiben oder Rechnen
- Sensorische Verarbeitungsstörungen: Über- oder Unterempfindlichkeiten gegenüber Reizen
- Dyspraxie / Entwicklungskoordinationsstörung: Schwierigkeiten mit Bewegung und Koordination
Neurodiversität ist individuell ganz verschieden
Neurodivergente Kinder passen nicht immer ins „typische Raster“. Sie brauchen individuelle Zugänge. Jedes Kind ist anders. Verlangen Sie keine Anpassung um jeden Preis.
Neurodiversität lädt uns ein, Vielfalt wertzuschätzen. Wenn wir Neurodiversität pathologisieren, werden die Schwierigkeiten größer, und nicht kleiner.
Neurodiversität ist keine Störung, sondern ein Teil menschlicher Vielfalt.
Wenn wir Kinder so annehmen, wie sie sind, stärken wir ihr Selbstwertgefühl und legen die Basis für eine gesunde Entwicklung. Das Kind ist nicht falsch. Es denkt nur anders.