Wenn Kinder seelisch leiden
- Story
Wir haben mit der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Christine Hartl-Leibetseder aus dem Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz gesprochen. Hier sind ihre Antworten auf häufig gestellte Fragen und Elternsorgen:
Psychische Belastungen zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen oft nicht durch ein einzelnes Symptom, sondern durch Veränderungen im Verhalten. Eltern berichten häufig, dass ihr Kind „nicht mehr so ist wie früher“.
Mögliche Warnsignale sind:
- schnelle Reizbarkeit, geringe Belastbarkeit
- sozialer Rückzug, kaum Kontakt zu Freund:innen
- starker Rückzug ins eigene Zimmer
- übermäßige Nutzung von Computerspielen oder sozialen Medien
- Leistungsabfall in der Schule oder Ausbildung
- Konzentrationsprobleme
- Verschlossenheit, kaum Gespräche über Sorgen oder Ängste
- verändertes Essverhalten
- Schlafprobleme, sehr spätes Einschlafen, Müdigkeit am Morgen
- häufige Albträume
- körperliche Beschwerden ohne klare medizinische Ursache
(z. B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit)
Besonders bei exzessivem Gaming oder Online-Aktivitäten kann eine Ersatzwelt entstehen, in der Jugendliche Anerkennung, Stärke oder Zugehörigkeit erleben – Dinge, die ihnen im realen Leben gerade fehlen. Das kann ein nachvollziehbarer, aber riskanter Bewältigungsversuch sein und suchtähnliche Züge annehmen.
Die Antworten auf die Fragen unten helfen beim Einordnen, ab wann Eltern tätig werden sollten.
Ab wann sollte ich mir ernsthafte Sorgen machen?
Ein einzelnes Anzeichen ist noch kein Grund zur Panik. Entscheidend sind:
Halten die Veränderungen über mehrere Monate an?
Werden die Symptome stärker oder häufiger?
Ist das Kind kaum mehr erreichbar oder nimmt keine Hilfe an?
Beeinträchtigen sie Schule, Ausbildung oder soziale Kontakte?
Kurzfristige Belastungen über ein paar Wochen sind meist noch gut abzufangen. Wenn sich jedoch Muster verfestigen und keine Entlastung mehr eintritt, sollte genauer hingeschaut werden.
Was können Eltern tun, wenn sie Veränderungen bemerken?
Das Wichtigste: früh ernst nehmen – aber nicht dramatisieren
- das Gespräch suchen, so bald als möglich und ohne Druck
- eigene Beobachtungen ruhig ansprechen („Mir fällt auf, dass …“)
- echtes Interesse zeigen, nicht belehren
- dem Kind vermitteln: Du wirst gesehen. Du bist nicht allein.
- andere Bezugspersonen einbeziehen (z. B. Lehrkräfte, Schulsozialarbeit)
- nachfragen, wie das Kind in Schule oder Peergroup eingebunden ist
- auch an Themen wie Mobbing denken – darüber sprechen Kinder oft spät
Wichtig ist, nicht alles als „Phase“ abzutun, sondern dranzubleiben.
Kinder und Jugendliche brauchen Möglichkeiten zur Stressregulation. Dazu zählen zum Beispiel:
- erholsamer Schlaf
- Bewegung oder Sport
- Musik hören
- kreative Tätigkeiten (zeichnen, schreiben, basteln)
- Kochen, Handwerken
- Zeit mit Freund*innen
Auffällig wird es, wenn:
- frühere Hobbys aufgegeben werden
- nichts mehr Freude macht
- Motivation dauerhaft fehlt
Das können wichtige Warnsignale sein.
Stimmungsschwankungen in der Pubertät sind normal. Sie sind:
- meist kurzzeitig
- emotional weniger intensiv
- wechselhaft, aber nicht dauerhaft belastend
Eine Depression zeigt sich hingegen oft durch:
- anhaltende, tiefe Traurigkeit
- starke Erschöpfung und Kraftlosigkeit
- Interessenverlust
- Rückzug von sozialen Kontakten – werden als anstrengend erlebt
- Aufgeben von Hobbys
- Hoffnungslosigkeit
- negatives Gedankenkarussell
- Schlaf- und Konzentrationsprobleme
- Gefühl innerer Leere oder emotionaler „Abflachung“
- Appetitlosigkeit
- Über Tage im Bett bleiben, ohne dass sich etwas verändert
Wenn Freude, Motivation und Leichtigkeit über längere Zeit fehlen und der Alltag kaum mehr bewältigbar ist, braucht es professionelle Unterstützung.
In der Regel beginnt die Begleitung mit einem Elterngespräch, in dem:
- die Entwicklung des Kindes
- aktuelle Belastungen
- beobachtete Symptome
- Erwartungen an die Therapie
besprochen werden.
Danach folgen Gespräche mit dem Kind oder Jugendlichen in einem geschützten, vertraulichen Rahmen. Die Schweigepflicht ist dabei ein zentraler Bestandteil.
Die Finanzierung ist in Österreich bundeslandabhängig.
Möglichkeiten sind:
- kostenfreie Angebote über Beratungsstellen (z. B. bis 18 Jahre, bei Krankenversicherung)
- Teilrückerstattung über Krankenkassen bei Therapie in freier Praxis; die ÖGK, bei der die meisten versichert sind, leistet den geringsten Betrag an Rückerstattung.
- Unterstützung durch Vereine oder Spendenorganisationen (z. B. für Familien mit geringem Einkommen
Eltern können sich bei Beratungsstellen, Krankenkassen oder Therapeut*innen über passende Wege informieren.
Wer hilft weiter?
Ein Überblick über Fachpersonen
Sind Ärzt*innen mit Fachausbildung, können Diagnosen stellen und Medikamente verschreiben
begleiten Kinder und Jugendliche in Gesprächen und therapeutischen Prozessen (unterschiedliche Methoden und Ausbildungen)
Sind Psycholog:innen, die im schulischen Kontext arbeiten. Sie beraten Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte