Kinderarmut: Im Unterricht achtsam mit Unterschieden umgehen
- Analyse
Die Thematisierung von Armut und sozialer Ungleichheit im Unterricht stellt viele Pädagog:innen vor eine Herausforderung. Eine häufige Sorge ist, dass Schüler:innen aufgrund persönlicher Betroffenheit bloßgestellt oder beschämt werden könnten. Diese Einschätzung ist nachvollziehbar: Die Arbeit mit sozialen Ungleichheiten erfordert Sensibilität, Reflexion und eine bewusste didaktische Gestaltung.
Ein achtsamer, respektvoller und nicht-beschämender Unterricht kann jedoch dazu beitragen, soziale Realitäten sichtbar zu machen, ohne individuelle Schüler*innen zu exponieren. Die folgenden didaktischen und methodischen Tipps unterstützen Lehrkräfte dabei, Armut und soziale Ungleichheit verantwortungsvoll zu behandeln.
Beschämung von Schüler*innen vermeiden
Ein zentrales Ziel im Unterricht zu Armut ist es, Scham und Individualisierung struktureller Probleme zu verhindern. Didaktische Leitlinien wären:
Armut als strukturelles, gesellschaftliches Phänomen thematisieren, nicht als individuelles Versagen („Ich bin nicht selbst schuld“).
Eigene Geschichten dürfen erzählt werden, aber nur, wenn Schüler:innen dies ausdrücklich möchten.
Keine persönlichen biografischen Betroffenheiten müssen preisgegeben werden („Sag nur das, was du sagen willst“).
Sensibilität für unterschiedliche Lebenslagen ist zentral, um Beschämung zu vermeiden.
Statistische Einordnung hilft, individuelle Erfahrungen zu entlasten („Ich bin nicht allein“).
Geeignete methodische Zugänge sind z.b. Rollenspiele (Sprechen aus einer anderen Rolle), Theater, Positionierungslinien, „One-Step-Forward“-Spiele
Unterrichtsmaterialien
Die Armutskonferenz Österreich bietet hierfür diverse Dokumente und Downloads zu diesen Themenbereich an. Die Unterrichtsmaterialien setzen sich altersgerecht mit zentralen Fragestellungen im Themenfeld Armut und Ungleichheit auseinander: Was ist Armut? Wie wirkt sich Kinderarmut aus? Welche Dimensionen der Armut gibt es? Wie funktioniert der Sozialstaat? Was sind soziale Transferleistungen?
Eigene Haltungen als Lehrperson reflektieren und weiterentwickeln
Lehrkräfte spielen eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung einer vertrauensvollen Lernatmosphäre. Die Reflexion der eigenen Position ist dabei essenziell. Reflexionsfragen und Impulse für Pädagog:innen:
- Eigene soziale Herkunft und Bildungsbiografie reflektieren
- Eigene Haltungen zu Armut, Reichtum und sozialer Ungleichheit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene klären
- Betroffenheiten in der Lerngruppe zulassen, statt sie zu tabuisieren
- Sich der möglichen Rolle als „Ankerperson“ bewusst sein – insbesondere für benachteiligte Kinder und Jugendliche
Passende methodische Zugänge für Lehrkräfte:
- Fachliche Auseinandersetzung mit Armut, Reichtum und sozialer Ungleichheit
- Biografiearbeit für Pädagog:innen
- Kreatives Schreiben und kollegialer Austausch
Mythen und Narrative zu Armut gemeinsam hinterfragen
Ein kritischer Unterricht zu sozialer Ungleichheit bedeutet auch, gesellschaftliche Narrative und Vorurteile sichtbar zu machen und zu dekonstruieren. Zentrale didaktische Schwerpunkte:
- Konflikte rund um Armut und Ungleichheit sichtbar machen und als veränderbar darstellen – nicht naturalisieren
- Die Dialektik zwischen individuellen Erfahrungen und statistischer Empirie berücksichtigen
- Wechselwirkungen zwischen individuellen Entscheidungen und gesellschaftlichen (ökonomischen, sozialen, ökologischen) Strukturen analysieren, eigene sozioökonomische Position im gesamtgesellschaftlichen Vergleich sichtbar machen
- Sensible und diskriminierungsarme Sprache bewusst einsetzen
z. B. „einkommensarm“ statt „sozial schwach“
TIPP Leitfaden „Respektvoll reden. Leitfaden für würde-achtende Sprache in sozialen Fragen“ (Download)
Konkrete Tipps zum Umgang mit Kinderarmut im Kindergarten oder Schule
Zum Artikel "Konkrete Tipps zum Umgang mit Kinderarmut" von Martin Schenk
Autor:innen
Mag. Martin Schenk
Direktion & GeschäftsführungGrundlagen & Advocacy
Stv. Direktor | Sozialexperte Armut, Gesundheit, Kinder- und Jugendhilfe