Wenn junge Menschen ihre Eltern betreuen oder pflegen müssen

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17. Februar 2026
Wie kann man Kinder und Jugendliche entlasten, die ihre Eltern betreuen oder pflegen?

Anneliese Gottwald hat 2012 „superhands“ gegründet. Eine Drehscheibe und Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die sich um kranke Angehörige kümmern. Wir haben sie zur Situation von Kindern befragt, die mit der Verantwortung auch eine große Last tragen.

Jugendliche oder sogar Kinder, die Verantwortung für Pflege in der Familie tragen, gibt es das? 

Anneliese Gottwald: Leider ja. In Österreich findet der allergrößte Teil von Pflege und Betreuung zuhause statt, meist ohne professionelle Unterstützung. Diese Aufgabe trifft auch Kinder und Jugendliche. In der Pflegewissenschaft nennt man sie „young carers“. Sie sind in die Pflege eingebunden oder übernehmen sogar die Verantwortung. Wir gehen von fast 50.000 jungen Menschen aus, die davon betroffen sind. Genaue Zahlen fehlen.


In welchen Situationen kommt es dazu, dass Jugendliche diese Aufgaben übernehmen müssen?

Anneliese Gottwald: Es gibt zwei unterschiedliche Situationen. Young Carers rutschen langsam in die Rolle oder sie sind mit einem Schlag gefordert, zu pflegen. 
Nehmen wir Natalie, ihr Vater konnte durch Metastasen im Rückenmark innerhalb von wenigen Tagen nicht mehr gehen, den Alltag nicht alleine bewältigen. Die Mutter war voll berufstätig, Natalie übernahm mit 16 Jahren Aufgaben im Haushalt und in der Pflege. Das ging bis zum Wechseln von Verbänden und Aufkleben von Schmerzpflastern unter Anleitung eines Pflegedienstes. 
Anders war es bei Patricia, die bei ihrer Großmutter aufwuchs. Als die Großmutter an Demenz erkrankte, übernahm Patricia nach und nach mehr Aufgaben im Haushalt, schließlich auch Körperpflege. Durch die Desorientierung kann sie die Großmutter nur zum Schulbesuch alleine lassen, sonst muss sie zuhause „aufpassen.“


Welche Belastung bedeutet das für Kinder und Jugendliche? 

Anneliese Gottwald:  Die größte Belastung ist sicher die nicht altersgemäße Verantwortung. Dazu kommt oft auch Angst. Dies führt zu Stress, Schlafstörungen, Konzentrationsmangel. 
Dazu können die Kinder und Jugendlichen wenig Zeit mit Gleichaltrigen verbringen, und fühlen sich isoliert und allein gelassen. Dazu kommen Scham und manchmal in den Familien ein Tabu, dass nicht über die Pflege gesprochen wird, weder zuhause, noch außerhaus. Die negativen Folgen können bis zu schlechteren Schulerfolgen oder dem Verzicht auf eine Ausbildung führen.


Was brauchen diese jungen Menschen konkret und woher kann Unterstützung kommen? 

Anneliese Gottwald:  Die größte Hürde ist, überhaupt zu erkennen, dass Kinder, dass Jugendliche mit Pflege belastet sind. Sie sprechen nicht darüber und es gibt wenig Wissen um das Phänomen. 
Wenn Lehrkräfte aufmerksam sind, können sie aber durch vorsichtiges Nachfragen die Situation erahnen. Auch Pflegekräfte oder Ärzte sollten hinsehen, ob junge Personen im Familiensystem Verantwortung tragen. 
Am besten hilft es natürlich, wenn sich die Familie konkrete Hilfe bei der Bewältigung der Aufgabe holt. Das können Pflegedienste sein, oder eine Tagesbetreuung für die pflegebedürftige Person. Unterstützung bieten auch soziale Dienste, etwa eine Heimhilfe, die beim Einkaufen und Kochen unterstützt, oder ein Wäscheservice, ein Begleitdienst für Behörden- oder Arzttermine. 
Wichtig für die betroffenen Familien sind auch kompetente Ansprechpersonen. Zudem sollen die Jugendlichen erfahren, dass sie nicht allein sind, und dass sie sich aussprechen können. Dafür gibt es auch Angebote wie superhands. 

Drehscheibe und Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die sich um kranke Angehörige kümmern

Ein Angebot der Johanniter, gefördert vom Sozialministerium
www.superhands.at

Superhands bietet Information und persönliche Beratung, aber auch ein anonymes Online-Forum und eine Hotline.

Wir versorgen junge Pflegende und ihre Familien bestmöglich mit Informationen und vernetzen sie mit Hilfsangeboten, um sie zu entlasten.

Superhands Info und Hotline

Gibt es noch andere Unterstützungsangebote für pflegende Jugendliche?

Anneliese Gottwald: Das Jugendrotkreuz bietet beispielsweise mit dem Juniorcamp die Möglichkeit, zwei unbeschwerte Wochen am Meer zu verbringen. Der Verein JoJo vermittelt Paten und Patinnen, die mit Kindern psychisch kranker Eltern Freizeit gestalten.

Was wünschen Sie sich für diese jungen Menschen, die so früh Verantwortung tragen?

Anneliese Gottwald: Es gibt bei aller Last auch Beispiele, dass sie für ihr Leben viel Positives mitnehmen können. Das braucht aber gute Rahmenbedingungen. – Es ist schön, wenn sie aus der Pflege aus Liebe später im Leben etwas Positives gestalten können.

Um dorthin zu gelangen, brauchen wir Forschung, passende Angebote in vielfältiger Form – zum Beispiel durch Peer Support, also Unterstützung durch Gleichgesinnte mit ähnlichen Lebenserfahrungen, der am allerbesten ankommt.

Und wichtig ist auch, dass in der Gesellschaft niemand wegsieht. Wir müssen achtsam sein, vorsichtig nachfragen und ein Gespräch oder einfach nur Nachbarschaftshilfe anbieten.

Von der Politik wünsche ich mir, dass junge Pflegende nur eine liebevolle Ergänzung sind für ein gut gestaltetes Pflege-Setting mit leistbaren Diensten durch Profis.

Handbuch und Hintergrundinformationen über Young Carers in Österreich. 
 

Wenn Kinder und Jungendliche pflegen....
 

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