Pflege kann in Zukunft nur gelingen, wenn wir umdenken

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04. April 2024
Die Herausforderung heißt: wir müssen wieder lernen, Hilfe zu geben und Hilfe anzunehmen

Pflege braucht die Politik

Die Zukunft der Pflege und Betreuung beschäftigt die Österreicher:innen sehr. In einer SORA-Umfrage 2023 zeigte sich große Sorge, wer „mich einmal pflegen wird.“ Knapp die Hälfte der Befragten gab auch an, dass Konzepte der Politik für die Zukunft der Pflege für sie wahlrelevant sind.

Pflege geht uns alle an. Immerhin sind 1,5 Millionen Menschen im Land durch eigenen Pflegebedarf oder Pflegetätigkeit direkt betroffen, im erweiterten Familien- und Freundeskreis sind die Zahlen noch höher. Das mediale Echo ist dagegen gering. Im Vorwahlkampf war bisher wenig davon zu spüren, dass Politiker:innen diese Sorge der Menschen aufgreifen werden.

Pflege braucht neues Denken

Wenn wir immer wieder von der Pflege-„Frage“ sprechen, dann trifft das ganz gut die aktuelle Situation: Mit Antworten auf die schon lange bekannten Entwicklungen (eine alternde Bevölkerung, Pensionierungswellen bei professionell Pflegenden, Vereinsamung u.v.m) tun wir uns noch schwer.

Die Zahlen wirken erdrückend, und ob die bisher gesetzten Maßnahmen (Gehalts-Bonus, Entlastungswoche, Pflegestipendium) wirken, ist noch ungewiss. Viel Aufmerksamkeit geht zur Rekrutierung „aus Übersee“ (die Arbeitsmärkte in Osteuropa und am Westbalkan sind praktisch erschöpft). Digitalisierung ist ein weiteres Hoffnungsfeld, aber auch die Technik wird nur ein Puzzlestein im Gesamtgefüge einer zukunftsfesten Pflege sein. Für ein Puzzle braucht es aber ein Gesamtbild, auf das man hinbaut – dieses scheint in Österreich noch nicht vorhanden zu sein. Neben dem Stopfen von Löchern braucht es aber auch Zeit und Mut, um wirklich neue Ideen und Konzepte zu entwickeln.

Pflege braucht Gerechtigkeit

Pflege, so Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser, sei eine der großen Fragen, die für den sozialen Zusammenhalt im Land wesentlich sind. Das hat wesentlich mit Gerechtigkeit zu tun, die wir bei der Suche nach Lösungen immer im Blick behalten müssen.

Ungerecht ist derzeit die Verteilung der Pflege unter den Geschlechtern (es gibt praktisch keinen Bereich der Pflege und Betreuung, wo der Männeranteil über 25% liegt). Und je knapper die verfügbaren Leistungen werden, desto größer ist die Tendenz, dass Angebote am „freien Markt“ entstehen. Angebote, die man sich leisten können muss. Schon jetzt besteht die Gefahr, dass eine Zweiklassen-Pflege zur Norm wird.

Pflege braucht ein neues Miteinander

Neben den dringend nötigen Verbesserungen wie: bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte, existenzielle Absicherung von pflegenden Angehörigen und einer Imageaufwertung der Pflege braucht es also ein fundamentales Umdenken. Wir müssen aufhören, Pflege und Betreuung als etwas zu sehen, das delegiert wird: an die Angehörigen mit dem geringsten Einkommensverlust, an professionell Pflegende, die sich aus Verantwortung für die Menschen in versagenden Strukturen „aufopfern“ bis ins Burnout, an Menschen aus Ländern ohne Beschäftigungsperspektiven oder gar an Roboter.

Wir müssen aufhören, Pflege und Betreuung als etwas zu sehen, das delegiert wird: an die Angehörigen mit dem geringsten Einkommensverlust, an professionell Pflegende, die sich aus Verantwortung für die Menschen in versagenden Strukturen „aufopfern“ bis ins Burnout, an Menschen aus Ländern ohne Beschäftigungsperspektiven oder gar an Roboter.

Petra Rösler, Sozialexpertin für Pflege und Nachhaltigkeit der Diakonie Österreich

Wie wir mit Menschen umgehen, die schwer krank, alt oder hilfsbedürftig sind, hat nicht nur mit Versorgungsstrukturen zu tun. Es sagt vor allem etwas darüber aus, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen wollen. Über die Werte, die wir nicht nur verbal hochhalten, sondern die wir auch leben.

Wir alle tragen die Sehnsucht in uns, dass wir in überschaubaren Strukturen leben, dass wir uns begegnen, dass wir Hilfe nicht nur empfangen, sondern auch geben können. Wir sehnen uns nach nichts weniger als nach einer Sorgenden Gesellschaft.

Pflege braucht ein Ja

Wenn wir uns auf den Weg zu einer solchen „Caring Society“ (Sorgende Gesellschaft) machen, brauchen wir viele Akteur:innen, die JA sagen:

  • Die Politik muss neue, flexible Rahmenbedingungen schaffen und finanzieren.
  • Die Verwaltung muss Strukturen zulassen, die förderlich sind, um Neues auszuprobieren. Die nicht durch Bürokratie und veraltete Regelungen dem Leben und der Sorge die Luft nehmen.
  • Organisationen müssen sich für eine neue Art des Zusammenwirkens öffnen und Wege zur Überwindung der vom System vorgegebenen Grenzen suchen, die eine bedürfnisgerechte Versorgung erschweren.
  • Die Zivilgesellschaft braucht Formate und Unterstützung, damit alle artikulieren können, wie sie leben und gepflegt werden wollen. Und klare Wege, damit aus diesen Äußerungen auch Forderungen und damit Lösungsansätze entstehen.
  • Wir alle müssen uns fragen, wo wir in unserem Umfeld etwas beitragen können, in Familie, Freundeskreis, Grätzel oder Institutionen.  Nicht als Ersatz für bezahlte Leistungen, sondern als Verwirklichung eines solidarischen, gerechten Miteinanders.

Vor allem aber müssen wir alle JA sagen: ja, dazu, Hilfe zu geben, aber auch anzunehmen.

Vielleicht ist das die allerschwerste Übung in einer auf Individualität und Autonomie gebürsteten Gesellschaft. Möge die Übung gelingen!