„Verstehen statt Verurteilen“: Neue Podcastfolge zum Thema Sucht
- News
Der Mensch hinter der Erkrankung
Gleich zu Beginn des Gesprächs wird deutlich, wie wichtig ein respektvoller und wertschätzender Umgang mit suchtkranken Menschen ist. Aus Sicht der beiden Expert:innen sind Suchterkrankungen noch immer mit besonders vielen Vorurteilen verbunden.
„Es geht um den Menschen und um die Geschichte dahinter“, betont Martinschitz. Viele Betroffene hätten im Laufe ihres Lebens Abwertung, Schuldzuweisungen und Scham erlebt. Umso wichtiger sei es, ihnen mit Verständnis und Empathie zu begegnen.
Auch Leopold sieht hier großen Handlungsbedarf. Obwohl Suchterkrankungen medizinisch klar als Krankheiten anerkannt seien, würden Betroffene häufig weniger Respekt erfahren als Menschen mit anderen Erkrankungen.
Warum Menschen süchtig werden
Eine einfache Antwort darauf, warum Menschen eine Suchterkrankung entwickeln, gibt es nicht. Die Ursachen seien vielfältig und reichen von genetischen Faktoren über psychische Erkrankungen bis hin zu belastenden Lebensumständen.
Besonders häufig spielen laut den Expert:innen psychische Belastungen, Einsamkeit, Stress und Leistungsdruck eine Rolle. Alkohol werde dabei oftmals als eine Art Selbstmedikation eingesetzt, weil er Ängste, innere Unruhe oder Anspannung kurzfristig lindern könne.
„Wenn das Suchtmittel zum Lebensmittelpunkt wird, dann haben wir ein Problem“, erklärt Martinschitz.
Alkohol bleibt eine gesellschaftliche Herausforderung
Neben Nikotin zählt Alkohol nach wie vor zu den größten Herausforderungen im Bereich der Suchterkrankungen. Rund fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung gelten als alkoholabhängig.
Martinschitz spricht in diesem Zusammenhang von einer „gestörten Trinkkultur“. Alkohol sei nahezu überall verfügbar und gesellschaftlich stark akzeptiert. Oft müssten sich Menschen sogar rechtfertigen, wenn sie keinen Alkohol trinken.
Gleichzeitig beobachten die Expert:innen bei jüngeren Generationen einen vorsichtigen Wandel. Gesundheitsbewusstsein und alkoholfreie Alternativen würden zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Neue Formen der Sucht
Während der Alkoholkonsum bei jungen Menschen teilweise zurückgeht, gewinnen andere Formen der Abhängigkeit an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere Handy-, Online- und Gaming-Sucht.
Beide Gesprächspartner:innen sehen die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung mit Sorge. Gleichzeitig warnen sie davor, ausschließlich auf Verbote zu setzen. Viel wichtiger seien Aufklärung, bewusster Medienkonsum und ein reflektierter Umgang mit digitalen Technologien.
„Das Handy ist gekommen, um zu bleiben“, sagt Martinschitz. Entscheidend sei deshalb, einen gesunden Umgang damit zu erlernen und diesen auch an Kinder und Jugendliche weiterzugeben.
Der Weg aus der Sucht
Der erste und oft schwierigste Schritt sei die Erkenntnis, dass überhaupt ein Problem vorliegt. Danach beginne ein längerer Prozess aus medizinischer Behandlung, psychologischer Begleitung und Nachbetreuung.
Leopold erklärt, dass zunächst abgeklärt werde, welche Form der Behandlung notwendig sei. Während ein körperlicher Entzug häufig nur wenige Wochen dauere, beginne danach die eigentliche therapeutische Arbeit.
„Der Entzug ist der Start. Die Entwöhnung ist die Reise“, beschreibt Martinschitz den Prozess.
Eine entscheidende Rolle spiele dabei auch das persönliche Umfeld. Familie, Freund:innen und Arbeitskolleg:innen könnten wesentlich dazu beitragen, Rückfälle zu verhindern und langfristige Veränderungen zu unterstützen.
Neues Kompetenzzentrum in Waiern
Im Gespräch geben die beiden Expert:innen außerdem Einblicke in die Weiterentwicklung der Diakonie Klinik Waiern zum Kompetenzzentrum für Sucht, Psychosomatik, Altersmedizin und Essstörungen.
Durch die Bündelung verschiedener Fachbereiche sollen Patient:innen künftig noch umfassender betreut werden können. Medizinische, psychologische und therapeutische Angebote werden dabei unter einem Dach zusammengeführt.
„Körper und Geist sind eine Einheit“, betont Leopold. Ziel sei es, Menschen ganzheitlich zu begleiten und ihnen möglichst kurze Wege zu den benötigten Unterstützungsangeboten zu ermöglichen.
Verständnis statt Verurteilung
Zum Abschluss sprechen die beiden Expert:innen über die Entstigmatisierung von Suchterkrankungen. Mehr Aufklärung und ein bewussterer Umgang mit Sprache könnten dazu beitragen, dass Betroffene früher Hilfe in Anspruch nehmen.
„Es ist nicht der Alkoholiker oder die Alkoholikerin. Es ist ein Mensch, der eine Krankheit hat“, sagt Martinschitz.
Eine Botschaft, die auch den Titel der Podcastfolge auf den Punkt bringt: Verstehen statt verurteilen.
🎧 Die neue Folge von „Menschlichkeit zum Mitnehmen“ ist ab sofort auf Spotifyund allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.