Herta weiß, was sie kann

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23. September 2026
Menschen mit Demenz brauchen einen Alltag, in dem ihre Fähigkeiten ernst genommen werden.

Hier fühl ich mich wohl – Herta erzählt:

„Ich bin ja schon gern hier. Vor allem im Garten. Der ist auch ein Treffpunkt. Da sitzen wir zusammen, trinken Kaffee oder verbringen Zeit mit Besuch. Manchmal gibt’s ein Festl. 
So ein Garten ist aber halt eine große Aufgabe. Da ist immer was zu tun. Früher war das alles nur ein Rasen, heute gibt es viele schöne Beete. Das haben alles wir gemacht und wir kümmern uns auch drum. Ein jeder macht halt, was er kann und gern macht. Auch die Männer packen an, nicht nur die Frauen! 
Mittendrin sind unsere Ziegen, der Peter und der Kurti. Die sind eh lieb, aber manchmal auch frech. Drum helf ich lieber mit dem Gemüse als beim Ziegenfüttern (lacht). Da kenn ich mich aus, weil ich hatte selber immer einen großen Garten.

Vor kurzem haben wir wieder was angepflanzt, die Maria und ich. Radieschen und Zwiebeln. Sie hat zu wenig Platz gelassen zwischen den Reihen und ich hab ihr gezeigt, wie das richtig geht. 
Die Maria ist überhaupt ein lieber Mensch. Immer so fröhlich! Und sie hat so schöne Haare. Ich war früher Friseurin, da schaut man auf sowas. Außerdem hab ich gern Tanzkurse gemacht. Einen nach dem anderen! Und gereist bin ich viel, zum Beispiel nach Wien. Aber hier ist es doch so schön. In Kärnten, und im Garten sowieso. Da will man gar nicht woanders hin.“

Maria arbeitet im Haus St. Peter mit Demenzschwerpunkt in Klagenfurt. Sie schafft im Alltag der Bewohner:innen die Balance zwischen Selbstbestimmung und Unterstützung. Herta wohnt seit zwei Jahren in der Pflegeeinrichtung. / © Severin Wurnig / Identum

Gemeinsam den Alltag gestalten – Maria erzählt:

„Ich schaue nicht zuerst auf die Demenz, sondern auf den Menschen. Darauf, was jemand noch gut kann und was Freude bereitet. Die Bewohner:innen bei uns im Haus St. Peter sollen so selbstbestimmt wie möglich leben und sich zuhause fühlen. Deshalb gestalten wir den Alltag gemeinsam: Manche helfen im Gemüsegarten, andere kümmern sich um die Wäsche, backen oder versorgen die Ziegen. Das Schöne an den gemeinsamen Aktivitäten ist: wir lernen uns richtig gut kennen!
Herta ist eine, die sich gern einbringt. Seit ihrem Einzug vor zwei Jahren erlebe ich sie fast immer als fröhlich, direkt und sehr hilfsbereit. Wenn ich etwas Schweres trage, ruft sie oft schon von Weitem: ‚I kumm dir helfen, du sollst nid so schwer heben!‘ Und wenn jemand seinen Schlüssel oder sein Handy verlegt, hilft sie sofort beim Suchen. 
Besonders schön finde ich, dass wir viel miteinander lachen. Wir sind ja beide nicht auf den Mund gefallen. Wenn ich zu Herta sage, sie soll mehr Wasser trinken, kommt zurück: ‚Ja, aber du doch auch!‘ 

Dass es bei uns im Haus so familiär zugeht, kommt nicht von alleine. Wir nehmen uns bewusst Zeit für die Bewohner:innen, tauschen uns gut im Team aus und versuchen zu verstehen, was die Menschen, für die wir da sind, brauchen. 
Die Gefühlsebene ist dabei wichtig: Menschen mit Demenz haben ein sehr feines Gespür dafür, wie man ihnen begegnet. Weil wir sie mit ihren Bedürfnissen, Ängsten und Fähigkeiten ernst nehmen und ihnen etwas zutrauen, fühlen sie sich verstanden und sicher.
Das Gefühl von Hoffnung kennt wohl jeder. Wenn ich an meine eigene Mama denke, hoffe ich zum Beispiel, dass es ihr gut geht, falls sie einmal in eine Pflegeeinrichtung zieht. Wir arbeiten hier viel daran, Angehörigen ihre Ängste zu nehmen und Hoffnung zu geben. Das ist genauso wichtig wie die gute Betreuung der Bewohner:innen selbst. 
Das ist mir noch wichtig zu sagen: Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis – das darf man im Alltag mit Menschen mit Demenz nie übersehen.“

Was muss passieren, damit Menschen mit Demenz wie Herta gute Pflege bekommen und Fachkräfte wie Maria gut begleiten können?


Wie Herta brauchen mehr als 500.000 Menschen in Österreich Pflege und Betreuung. Rund 170.000 von ihnen leben mit einer Demenz. Sie können meistens nur zwischen mobiler Hauskrankenpflege und Pflegeheim wählen. Andere Formen der Unterstützung gibt es nicht überall, nicht ausreichend oder sie ist sehr schwer leistbar. Das System bestimmt zu oft das Angebot, nicht die Person mit ihren Bedürfnissen. Die entscheidende Frage für eine Pflegereform lautet: Wie willst du leben, wenn du Betreuung und Pflege brauchst?
Als Diakonie setzen wir uns dafür ein, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Pflegebedarf im Mittelpunkt stehen. Jede Person soll bekommen, was sie braucht: von stundenweiser Betreuung zu Hause oder in Tageszentren über mobile Hauskrankenpflege bis zu Kurzzeitpflege oder langfristiger Pflege in einem Heim.

Pflege und Betreuung ist eine erfüllende Arbeit, das zeigt auch die Geschichte von Maria. Doch die Rahmenbedingungen werden immer schwieriger. Daher richtet sich die zweite wichtige Frage für eine Reform an Pflegefachkräfte: Wie willst du pflegen? Die Antwort von Mitarbeiter:innen der Diakonie lautet fast immer: „Wir brauchen mehr Zeit, um uns den Menschen zu widmen.“ Und: „Pflege ist mehr als warm, satt, sauber. Beziehungen und Emotionen sind mindestens genauso wichtig.“ Die Bürokratie nimmt dafür oft die nötige Zeit weg.
Als Diakonie setzen wir uns dafür ein, dass es mehr Personal gibt und die Personalschlüssel angehoben werden. Auch stabile Dienstpläne und Entlastung durch Entbürokratisierung und Digitalisierung sind wichtig.

Eine Kindergärtnerin und ein Kind lachen miteinander.
Hoffnung ist wie ein Lächeln. Sie ist ansteckend. Matteo, begleitet von Claudia seit 2019. / © Severin Wurnig / Identum

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