Armut sieht man nicht

  • Meinung
18. Juli 2022
Was Armut und Teuerung für die Zukunft von Kindern bedeutet

Man sieht sie nicht, die Armut. Man spürt sie am Druck, unter dem Familien stehen. Das berichten die Therapeut:innen in den neun Kindertherapiezentren forKIDS der Diakonie in Tirol ebenso wie Mitarbeiter:innen des Bildungsprojekts „SESAM – Schule, Eltern und Sozialraum arbeiten miteinander“ an benachteiligten Schulstandorten in Wien.

Maria Köck, psychosoziale Beraterin bei Sesam, erzählt: Familie S. kam vermittelt über die Beratungslehrerin zu ihr. Die Eltern hatten wenig Interesse am Bildungsweg der Kinder und wenig Bereitschaft, mit der Schule zu kooperieren. Maria Köck hat Kontakt zu den Eltern aufgebaut und konnte schließlich die Familie zu Hause besuchen, um Schulmaterialien zu bringen. Sie sah: Leben in extrem prekären Verhältnissen, viele Kinder auf engstem Raum, schimmlige Wände … Gute Gespräche, warum Schule wichtig ist, wurden möglich. Die Eltern wollten auch an Workshops teilnehmen zur Frage, wie sie ihrem Kind beim Lernen helfen können. Dazu musste erst die Scham überwunden werden.

Schule kann Armut aufbrechen oder verfestigen

Die Schule kann den Teufelskreis der „Vererbung“ von Armut durchbrechen, aber auch verfestigen.

Schulen an benachteiligten Standorten sind oft schlecht ausgestattet, das wirkt sich aus auf die Bildungschancen der Kinder. Kinder, die in überbelegten Wohnungen keinen ruhigen Platz zum Lernen haben. Dazu kommen die österreichische Halbtagsschulordnung und das einkalkulierte Nachhilfesystem. Das Bildungssystem delegiert viele Aufgaben an die Eltern. Wer wenig Einkommen hat, kommt da nicht mit. - Bereits in der 4. Schulstufe zeigen sich Lernrückstände von Kindern von Eltern mit einem niedrigen Schulabschluss von 21,7 Schulmonaten im Vergleich zu Kindern von Eltern mit Maturaabschluss.

Armut in der Corona-Krise und in der Teuerungs-Krise

Das Ineinandergreifen von „Vererbung von Armut“ und Bildung zeigte sich unter Corona-Bedingungen verschärft und in neuer Form: Homeschooling hat bedeutet, keine Möglichkeit zu haben, aus den beengten Wohnverhältnissen rauszukommen, dazu kam mangelnde technische Ausstattung und beschränktes digitales Wissen der Eltern, die ihre Kinder nicht oder nur schwer unterstützen konnten. Jetzt angesichts der Teuerung setzt sich das fort: zu wenig Geld fürs Wohnen und Heizen wird sich auf die Lernerfolge der Kinder auswirken, Kinder werden noch mehr mit leerem Bauch lernen müssen.

Armut bedeutet Scham

Scham ist das große Thema im Zusammenhang mit Armut. Familien versuchen, Armut zu verbergen, weil es nach wie vor als Schande gilt, arm zu sein. Beschämung, existentielle Sorgen und Isolation sind eine hohe psychische Belastung und machen krank. Extreme Stressbelastung der Eltern haben schwerwiegende Folgen für die Kinder: Sie stehen ebenso unter Druck wie die Eltern. Ihre Möglichkeiten, Emotionen zu verarbeiten, sind deutlich beeinträchtigt, ihre Entwicklung verzögert sich. Das sehen die Logopädinnen, Ergo-, Physio- und Psychotherapeutinnen in den Kindertherapiezentren der Diakonie Tag für Tag.

Kinderarmut ist ein Teufelskreis von existenziellen Geldnöten – Bildungsbenachteiligung – chronischen Erkrankungen und Entwicklungsverzögerungen.

Armut macht krank

Mit sinkendem sozialem Status steigen Krankheiten an: die untersten sozialen Schichten weisen die schwersten Erkrankungen auf. Kinder von Erwerbslosen und Sozialhilfeempfänger:innen leiden überproportional unter Asthma, Allergien, Diabetes oder Kopfschmerzen.

Der stressige Alltag unter finanziellem Dauerdruck führt dazu, dass sich die Kinder den Kopf „zerbrechen“. Kinder aus einem sozial benachteiligten Elternhaus verunfallen auch bis zu 70% häufiger.

Auch Umweltbelastungen sind unter Kindern ungleich verteilt. Einkommensschwächere leben an den Hauptverkehrsadern des motorisierten Verkehrs mit mehr Lärm und mehr Schadstoffbelastung. Feuchtigkeit und Schimmel gehören bei immerhin einem Zehntel der Bevölkerung zum Wohnungsalltag.

Oft werden Kinder in die Schule geschickt, auch wenn sie krank sind. Denn Alleinerzieherinnen fürchten, dass sie wegen häufigem Fehlen bzw. wiederholten Bitten um Pflegeurlaub ihren Arbeitsplatz verlieren. Familien aus dem unteren Einkommenssegment gehen erst bei extremer Not zum Arzt. Dieser muss die Krankheit möglichst rasch beseitigen, damit der Körper wieder funktioniert.

Armutsbetroffene Kinder tragen die gesundheitliche Benachteiligung ein Leben lang mit. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen.

Wir müssen verlässliche Präventionsketten gegen Kinderarmut knüpfen, d.h. konkrete Maßnahmen, orientiert an den Lebensphasen und Entwicklungsherausforderungen eines Kindes.

Maria Katharina Moser, Diakonie Direktorin

Wer soll das zahlen?

Wer soll das zahlen? Diese Frage ist bei der Bekämpfung und Prävention von Kinderarmut nicht angebracht.

Erstens sind Maßnahmen gegen Kinderarmut ökonomisch vernünftig: Alles, was wir in die Kinder und Jugendlichen investieren, damit sie gut ins Leben kommen, möglichst unbelastet von Armut, rechnet sich, und spart später Sozial- und Gesundheitsausgaben.

Zweitens, noch wichtiger: Bekämpfung und Prävention von Kinderarmut ist eine Frage der Würde und der Rechte von Kindern.

Präventionsketten gegen Kinderarmut

Um diesen Teufelskreis von existenziellen Geldnöten – Bildungsbenachteiligung – chronischen Erkrankungen und Entwicklungsverzögerungen zu durchbrechen, braucht es neben finanzieller Unterstützung auch direkte psychosoziale Unterstützung und Dienstleistungen.

Den Teufelskreis der Kinderarmut durchbrechen

Was es konkret braucht:

  • qualitativ hochwertige Elementarpädagogik, insbesondere ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr
  • den „Chancenindex“ für Schulen an benachteiligten Standorten, der im Regierungsprogramm vorgesehen ist.- Dabei geht es um bessere finanzielle Ausstattung dieser Schulen, aber auch um Schulentwicklung, Elternarbeit etc.
  • Damit Kinder in Kindergarten und Schule mitmachen können, müssen sie gesund sein. Zehntausende Kinder in Österreich erhalten nicht die notwendige Therapie. Es gibt zu wenig kostenfreie/kassenfinanzierte Therapieplätze oder elendslange Wartezeiten.
  • Je früher die Therapie beginnt, desto besser ist die Prognose für die Zukunft. Deshalb fordert die Diakonie eine Milliarde für Kindergesundheit und den Ausbau kassenfinanzierter leistbarer Therapieplätze.

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