29. Diakonie Dialoge 2026 zu Begleitung und Sexualität im Alter
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Sexualität bis ins hohe Alter
Rund 200 Teilnehmer:innen folgten der Einladung in die voestalpine Stahlwelt nach Linz. In Vorträgen und einer Gesprächsrunde wurde deutlich, dass sexuelle Bedürfnisse nicht mit dem Älterwerden verschwinden. Gleichzeitig zeigte sich, wie viele Fragen sich im Alltag von Pflege, Begleitung und Betreuung stellen – von Selbstbestimmung und Privatsphäre über rechtliche Rahmenbedingungen bis hin zu professioneller Nähe und Distanz.
Biografiearbeit als Schlüssel für professionelle Begleitung
Mit ihrem Vortrag "Sexualität und hohes Alter - Gesellschaftlicher Wandel, Haltung und Menschenbild" zeigte Sonja Schiff, Gerontologin, DGKP, DJ auf, wie sehr individuelle Lebensgeschichten den Umgang mit Sexualität prägen. Biografiearbeit sei daher ein wichtiger Schlüssel für eine respektvolle und professionelle Begleitung älterer Menschen.
Viele ältere Menschen haben im Laufe ihres Lebens tiefgreifende gesellschaftspolitische Veränderungen erlebt: Von Normen und Tabus der Nachkriegszeit über sexuelle Liberalisierung, Frauenbewegung und Gleichstellung homosexueller Menschen bis hin zu aktuellen Debatten um Diversität und Geschlechtsidentität.
Für das Fachpersonal in Pflege und Begleitung bedeutet dies, die eigene Haltung ebenso zu reflektieren wie die Lebensgeschichte der begleiteten Menschen. Professionelle Begleitung schafft Raum für Selbstbestimmung unter Wahrung der eigenen persönlichen Grenzen.
Intimität im Alltag begleiten
Praxisnahe Einblicke gab die klinische Sexologin und Mitbegründerin des Vereins SENIA Anna Wolfesberger. Sie machte deutlich, wie wichtig es ist, Selbstbestimmung, Privatsphäre und persönliche Grenzen im Alltag von Pflege und Betreuung mitzudenken. Seit vielen Jahren begleitet sie Mitarbeiter:innen in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Sie zeigte auf, mit welchen Fragen Mitarbeitende in Einrichtungen in Bezug auf Sexualität, Nähe und Intimität konfrontiert sind. Sexualität sollte nicht erst zum Thema werden, wenn Kontflikte auftreten. Es sollte vielmehr darum gehen, Privatsphäre zu ermöglichen, Bedürfnisse der begleiteten Menschen wahrzunehmen und persönliche Grenzen zu respektieren.
Sexualität und Sinnlichkeit im Alter
Die kinische Sexologin Nicole Siller widmete sich der Bedeutung von Sinnlichkeit, Berührung und sexueller Gesundheit im Alter. Sexualität sei weit mehr als Geschlechtsverkehr und ein wesentlicher Bestandteil von Lebensqualität, Wohlbefinden und Lebendigkeit. Sexualität höre nicht mit einem bestimmten Lebensalter auf. Sie verändere sich und bleibe dennoch ein wichtiger Teil von Lebensqualität, Gesundheit und Menschsein. Nicole Siller betonte die Bedeutung von Berührung und körperlicher Nähe im Alter. Während hinlänglich bekannt ist, wie wichtig Berührung für die gesunde Entwicklung eines Säuglings ist, fehlt diese Betrachtungsweise bzw. Forschung dazu für die ältere Generation.
Sexualbegleitung als Teil der Sexarbeit
Einen rechtlichen Blickwinkel brachte Sexualbegleiterin Astrid W. ein. Sie erläuterte die Rahmenbedingungen der Sexualbegleitung als Teil der Sexarbeit und den damit verbundenen gleichen gesetzlichen Regelungen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich allerdings von Bundesland zu Bundesland in Österreich teils erheblich.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich: Sexualität, Nähe und Berührung sind Teil des Menschseins – auch im Alter. Umso wichtiger sind Aufklärung, Ausbildung, Sprachfähigkeit und eine offene Haltung in Pflege, Betreuung und Gesellschaft. Anhand konkreter Beispiele zeigte sie, dass Sexualbegleitung nicht überall unter denselben Voraussetzungen möglich ist. Während in manchen Bundesländern Besuche in Wohn- oder Pflegeeinrichtungen erlaubt oder geduldet werden, bestehen andernorts Einschränkungen. Immer wieder stellt sich auch die Frage, wo die Unterstützung von Bewohner:innen endet und wo möglicherweise rechtliche Grenzen überschritten werden. Im Zentrum ihres Vortrags stand letztlich die Frage der Selbstbestimmung. Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen dürften nicht automatisch von Sexualität ausgeschlossen werden. Vielmehr gehe es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben auch in diesem Bereich ermöglichen.
Gesprächsrunde von Referent:innen und Expert:innen des Diakoniewerks
Zahlreiche Fragen wurden vor Ort und über ein digitales Padlet eingebracht. Dabei zeigte sich, wie groß das Interesse am Thema ist und wie viele Fragen im Alltag von Einrichtungen, Angehörigen und Fachkräften entstehen. In diesem Gesprächskreis zeigte sich auch das Thema der Aus- bzw. Weiterbildung für das Thema "Sexualität" in Einrichtungen. Es braucht die Bereitschaft und die Kompetenz, Gespräche zu Intimität und Nähe zu führen – über Generationen, kulturelle Hintergründe und persönliche Prägungen hinweg.
Als gemeinsamer Nenner zog sich ein Gedanke durch die Diskussion: Sexualität, Nähe und Berührung sind Teil des Menschseins. Umso wichtiger ist es, Tabus abzubauen, Wissen zu vermitteln und eine Kultur zu fördern, in der offen, respektvoll und professionell über diese Themen gesprochen werden kann.
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