Wie Sinnlichkeit, Nähe, Sexualität und Spiritualität neue Räume für Menschen mit Behinderungen und Menschen im Alter eröffnen.
Diesen Beitrag hat Barbara Klammer, Mitarbeiterin des Diakoniewerks, verfasst. Sie hat sich Gedanken zu Spiritualität, Nähe und Sexualität gemacht, insbesondere im Leben von Menschen mit Behinderungen und Menschen im Alter. Im Folgenden teilt sie ihre Gedanken dazu mit uns.
Was macht unser "Menschsein" aus?
Wie stehen Sexualität und Spiritualität miteinander in Verbindung, könnte man sich fragen. Rückt man den Menschen als Ganzes in einer weniger defizit-, sondern vielmehr ressourcenorientierten Sichtweise in den Fokus, wird rasch klar: Spiritualität und selbstverständlich auch Sexualität müssen mitgedacht werden. Sexualität kann dabei sogar als Teil von Spiritualität verstanden werden.
Interessant wird es insbesondere dort, wo Sexualität über den rein körperlichen Akt hinausgeht. Sinnlichkeit, Nähe und Intimität sind Ausdruck von Lebendigkeit, Präsenz und Verbindung. Hier begegnen sich Sexualität und Spiritualität. Beide betreffen das Erleben des eigenen Körpers, das In-Beziehung-Treten mit sich selbst und mit einem anderen Menschen, die Frage nach Sinn und Zugehörigkeit und das Gefühl, angenommen zu sein, so wie man ist.
Für Menschen mit Behinderungen, aber auch für Menschen im Alter sind das wichtige Dimensionen unseres ganzheitlichen Menschseins. Der Körper wird nicht mehr nur als „defizitär“, also als unzulänglich, mangelhaft, beschädigt oder schwach erlebt, sondern auch als „Ort“ positiver Erfahrungen mit sich selbst und dem Gegenüber wahrgenommen. Sich hingeben und loslassen zu können, kann zu Momenten führen, in denen das reine Auf-sich-selbst-Bezogensein in den Hintergrund tritt und Erfahrungen von Verbundenheit und Ganzsein möglich werden. Solche Erfahrungen können Quellen von Lebensenergie und Resilienz sein.
Es braucht also Räume, in denen Menschen mit Behinderungen sowohl ihre Sexualität als auch ihre Spiritualität frei und selbstbestimmt leben können, ohne Stigmatisierung. Es braucht Räume, in denen ältere Menschen nicht mehr als „asexuell“ wahrgenommen werden, sondern in denen es als selbstverständlich gilt, dass alle Menschen unabhängig von Alter oder Behinderung ihr Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit, Intimität und körperlicher Lust offen leben können.
In einer Gesellschaft, in der es oft um Werte wie Optimierung, Effizienz und Stärke geht, sind wir gefordert, mehr Toleranz für alle Formen gelebter Sexualität zu entwickeln und die Bedürfnisse anderer Menschen offen wahrzunehmen.
Eine solche Sichtweise fordert aber auch gesellschaftliche und institutionelle Strukturen heraus. Das betrifft alle Bereiche der Lebenswelten, Pflegekontexte ebenso wie Bildungsangebote, und fordert ernst gemeinte öffentliche Diskurse. Es erfordert auch, eigene Unsicherheiten zu hinterfragen und Stellung zu beziehen.
In Zukunft ist es also wichtig, die Vielfalt menschlicher Erfahrungen anzuerkennen und sowohl Sexualität als auch Spiritualität in all ihren Facetten und Möglichkeiten als wichtigen Teil von Selbstbestimmung, Identität und Lebensqualität zu verstehen. Inklusion bedeutet auch, gesellschaftlich zu enttabuisieren und sich an den vielfältigen Lebensentwürfen der Menschen zu orientieren.
Barbara Klammer, Juni 2026