Pia Hierzegger zu Gast bei „Menschlichkeit zum Mitnehmen“

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18. Februar 2026
In der neuen Folge von „Menschlichkeit zum Mitnehmen“, dem Podcast der Diakonie de La Tour Steiermark, spricht Moderator Andreas Neubauer mit der Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Pia Hierzegger über Menschlichkeit, künstlerische Prozesse und die Herausforderungen ihres Berufs.

Hierzegger, 1972 in Graz geboren und seit über 30 Jahren auf der Bühne und vor der Kamera tätig, wurde unter anderem durch Filme wie Nacktschnecken, Der Knochenmann und Der Boden unter den Füßen bekannt. Für letzteren erhielt sie 2020 den Österreichischen Filmpreis. 2025 erschien ihr Film Altweibersommer, bei dem sie sowohl das Drehbuch schrieb als auch erstmals Regie führte und eine der Hauptrollen übernahm.

Menschlichkeit zwischen Bühne und Realität

Auf die Frage, was Menschlichkeit für sie bedeutet, reagiert Hierzegger mit einer differenzierten Sicht: Menschlichkeit sei ein „schwieriges Wort“, oft gleichgesetzt mit Freundlichkeit. Für ihre Arbeit bedeute es, Situationen ernst zu nehmen und Rollen nicht zu „spielen“, sondern durch Annäherung erfahrbar zu machen. „Ich schlüpf gar nicht in Rollen“, sagt sie. „Ich versuche eher, Situationen durchzugehen und zu schauen, wie ich selbst reagieren würde.“

Auch emotional fordernde Momente gehören dazu – etwa eine Szene aus Der Boden unter den Füßen, in der Pfleger:innen sie festhalten mussten: Eine gespielte, aber körperlich real erlebte Form von Gewalt, die ihr bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Rollenbilder, Erwartungshaltungen und das Älterwerden

Hierzegger beschreibt, dass sie ihre Figuren stets zu sich „holt“ und sich ihnen annähert, auch wenn sie unterschiedliche Lebensrealitäten haben. Bei der Darstellung einer schizophrenen Frau sei ihr etwa bewusst gewesen, dass sie diese Erfahrung nicht 1:1 nachempfinden könne – Recherche und Sensibilität bleiben für sie dennoch zentrale Bausteine. Herausfordernd sei jedoch weniger die Figur selbst als das Umfeld einer Produktion: Zeitdruck, knappe Drehtage und die zunehmende Ökonomisierung der Branche.

Hierzegger spricht offen darüber, wie die Filmwelt Menschen oft in Schubladen steckt – eine Erfahrung, die auch internationale Kolleg:innen, wie sie im Gespräch erwähnt, teilen. Das Älterwerden eröffnet dabei neue Perspektiven: „Man kann dann nicht mehr die grantige Junge spielen, sondern eben die grantige Alte – das geht auch.“

Ihr Film Altweibersommer entstand nicht aus einer fixen Geschichte, sondern aus einer Konstellation: drei Frauen um die 50, die sich mit Veränderung und Freundschaft auseinandersetzen. Die Figuren seien mit ihr „mitgealtert“, erzählt sie schmunzelnd.

Regiearbeit: Zwischen hoher Verantwortung und tausenden Entscheidungen

Zum ersten Mal Regie zu führen und gleichzeitig vor der Kamera zu stehen, beschreibt Hierzegger als herausfordernd: Schlaflose Nächte vor Drehstart, ein hoher Erwartungsdruck und ein langer Prozess der Nachbearbeitung. Besonders intensiv sei der Schnitt gewesen – ein Bereich, dessen Einfluss auf das Endprodukt sie erst im Vollausmaß erfahren habe. Entlastend sei die Zusammenarbeit mit einem unterstützenden Team, das mitdenkt, ergänzt und „Probleme gemeinsam löst“.

Beim Theater schätzt Hierzegger die lange Probenzeit, das gemeinsame Entwickeln und die unmittelbare Verbindung mit dem Publikum. Beim Film hingegen entstehe der Moment erst vor der Kamera – oft fragmentiert, nicht chronologisch und mit mehr Abhängigkeit vom Gesamtprozess.

Beide Formen hätten ihren eigenen Wert: Im Theater die Aktualität und die Möglichkeit, gesellschaftliche Themen spontan einfließen zu lassen – im Film das Zusammenspiel vieler kreativer Einzelteile.

Gesellschaftliche Themen, Verantwortung und der Blick auf die Welt

Künstlerische Arbeit bedeutet für Hierzegger auch, sich mit gesellschaftlichen Fragen zu beschäftigen – allerdings ohne moralischen Zeigefinger. Themen wie Klima, soziale Ungleichheiten oder Feminismus bewegen sie, besonders wenn persönliche Erfahrungen oder Begegnungen eine Rolle spielen.
Gleichzeitig plädiert sie für eine Balance zwischen Engagement und Selbstfürsorge: Zu viele Informationen könnten lähmen. „Gelassenheit darf nicht in Gleichgültigkeit kippen, aber man muss auch aufpassen, sich nicht zu verlieren.“

Im Abschluss des Gesprächs formuliert Hierzegger einen ihrer zentralen Gedanken: Kunst müsse keine Lösungen liefern. „Politik hat die Aufgabe, Probleme zu lösen“, sagt sie. „Kunst hingegen darf Fragen stellen, neue Blickwinkel öffnen und sinnliche Zugänge schaffen.“ Kunst ermögliche es, Denkprozesse sichtbar zu machen – ohne sie abschließend festlegen zu müssen.

Die neue Episode von „Menschlichkeit zum Mitnehmen“ ist ab sofort auf Spotify und allen gängigen Podcast-Plattformen verfügbar.