Blackbox Pflegepolitik: Wo bleibt die Reform? Stillstand hilft weder den Menschen noch dem Budget!

  • Pressemitteilung
12. Mai 2026
Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe fordern in einer Aktion vor dem Parlament einen transparenten Reformprozess für eine zukunftsfähige Pflegeversorgung

Heute, 12. Mai 2026, am „Internationalen Tag der Pflegenden“, luden Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe zu einer Aktion samt Kundgebung vor das Österreichische Parlament. Die fünf Organisationen, welche sich in der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) zusammengeschlossen haben, pflegen und betreuen gemeinsam täglich rund 155.000 ältere und chronisch kranke Menschen in Österreich. „Wir stellen der Politik heute eine Blackbox vor die Haustüre“, sagt Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich und derzeit Vorsitzende der BAG. „Die Blackbox als Symbol haben wir gewählt, weil wir aktuell keinen ernsthaften Reformprozess sehen können, der den gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen auch nur annähernd gerecht wird, aber auch, weil die Pflegepraxis nicht systematisch in Gespräche eingebunden ist. Unsere Erfahrungen, Erkenntnisse und Lösungsvorschläge, aber auch die Nöte und Bedarfslagen der Betroffenen verschwinden quasi im Nichts“, kritisiert Anselm.

„Wir haben die Blackbox ganz bewusst vor das Parlament mit seiner Bundes- und Länderkammer gestellt. Denn Pflege ist eine Materie, für die sowohl die Länder als auch der Bund Zuständigkeiten und Verantwortung haben“, sagt Anselm. „Die Kompetenzverschneidungen zwischen Bund und Ländern dürfen aber nicht zu Stillstand und Lähmung der Pflegepolitik führen. Aber genau diesen Eindruck haben wir, und zwar so sehr wie nie zuvor,“ stellt die Hilfswerk-Geschäftsführerin fest. „Wir sind es leid, zu hören, dass es für notwendige Maßnahmen in der Pflege zu wenig Mittel gibt, während wir zusehen müssen, wie der herrschende Stillstand und die fehlende Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen kostspielige Verwerfungen im System fortschreibt. Das können wir uns nicht leisten“, ärgert sich Anselm. So würden etwa zu viele ältere Menschen zu oft in Spitälern landen und dort zu lange verbleiben, ähnliches gelte für Pflegeheime. Zudem würde die sinnvolle Nutzung von Digitalisierung und Technologie in der Pflege verschleppt. „Ob es nun um die ELGA-Anbindung der Pflegedienste oder um Telecare-Lösungen geht – alles könnte helfen, Qualität und Sicherheit in der Versorgung zu stärken und das Fachpersonal zu entlasten,“ erläutert Anselm.

Bedarfsgerechte Unterstützung statt Bürokratie! Entlastung pflegender Angehöriger!

„Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Diakonie hat zum bestürzenden Ergebnis geführt, dass die Hälfte der österreichischen Bevölkerung nicht weiß, wie sie an Informationen über Unterstützungs­angebote kommen soll, hätte eine angehörige Person plötzlich Pflegebedarf“, sagt Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich. Noch dramatischer sei, dass zwei Drittel der Bevölkerung der Meinung seien, ältere und pflegebedürftige Personen bekämen nicht die Unterstützung, die sie brauchen. Moser: „Die Angebote sind in der Tat von althergebrachten Leistungskatalogen geprägt. Das System bestimmt das Angebot, nicht der Mensch. Menschen, die zu Hause gepflegt werden, haben im Schnitt 20 Minuten Unterstützung am Tag. Unsere Forderungen nach Angeboten für Betreuung und Langzeitpflege, die den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen, sowie nach mehr Prävention und sozialräumlicher Orientierung landen seit Jahren in der Blackbox Pflege. Das führt dazu, dass Menschen oft viel zu früh ins Heim müssen. Das ist volkswirtschaftlich teuer und nicht das, was die Betroffenen wollen.“ Auch die oft versprochene ausreichende Entlastung der pflegenden Angehörigen sei in der Blackbox Pflegepolitik stecken geblieben. „Rund die Hälfte der Menschen mit Pflegebedarf werden allein durch ihre Angehörigen betreut. Jede und jeder zweite pflegende Angehörige ist selbst über 60, jede und jeder fünfte sogar über 70 Jahre alt. Sie sind eine wesentliche Säule des Pflegesystems – brechen sie zusammen, bricht das Pflegesystem zusammen. Sie brauchen Entlastung“, so die Diakonie-Direktorin.

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Diakonie hat zum bestürzenden Ergebnis geführt, dass die Hälfte der österreichischen Bevölkerung nicht weiß, wie sie an Informationen über Unterstützungs­angebote kommen soll, hätte eine angehörige Person plötzlich Pflegebedarf (...) Die Angebote sind in der Tat von althergebrachten Leistungskatalogen geprägt. Das System bestimmt das Angebot, nicht der Mensch. Menschen, die zu Hause gepflegt werden, haben im Schnitt 20 Minuten Unterstützung am Tag. Unsere Forderungen nach Angeboten für Betreuung und Langzeitpflege, die den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen, sowie nach mehr Prävention und sozialräumlicher Orientierung landen seit Jahren in der Blackbox Pflege. Das führt dazu, dass Menschen oft viel zu früh ins Heim müssen. Das ist volkswirtschaftlich teuer und nicht das, was die Betroffenen wollen.

Maria Katharina Moser, Diakonie-Direktorin

Pflege zu Hause leistbar machen! Pflegegeld reformieren!

Menschenwürdige und sichere Pflege darf keine Frage des Einkommens oder des Wohnorts sein. Deshalb erinnert Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich, die politisch Verantwortlichen an ein oft beschworenes Prinzip, dessen Umsetzung allerdings in der Blackbox Pflegepolitik versandet ist: digital vor mobil vor stationär. „Das bedeutet: Die Pflege und Betreuung zu Hause muss leistbarer werden. Vier Fünftel der Menschen in Österreich möchten im Alter in ihren eigenen vier Wänden gepflegt werden. Zahlreiche Familien geraten jedoch durch Pflegearbeit im eigenen Umfeld finanziell schwer unter Druck. Investitionen in mobile Dienste würden dazu beitragen, die teurere stationäre Pflege zu vermeiden“, meint Fenninger. Der Volkshilfe-Direktor plädiert zudem für eine grundlegende Reform des Pflegegeldes sowie eine langfristige Finanzierungsstrategie für Pflege und Betreuung. „Der Ausbau der Langzeitpflege verlangt verbindliche Qualitätsstandards, klare Personalschlüssel und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Pflege- und Gesundheitssystem. Gerade an den Schnittstellen entstehen Versorgungslücken und unnötige Mehrkosten, die politisch nicht länger ausgeblendet werden dürfen. Leistbare Pflege ist eine zentrale Zukunftsfrage unserer Gesellschaft, eine Säule unseres Sozialstaats. Sie muss österreichweit harmonisiert und rasch abgesichert werden“, so Fenninger.

Gesundheit und Pflege zusammendenken! Richtig statt teuer versorgen!

„Für die österreichische Sozialpolitik sind Gesundheit und Langzeitpflege nach wie vor zwei getrennte Bereiche. Nicht aber im Leben pflegebedürftiger Menschen, die laufend von A nach B pendeln“, sagt Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich und weist auf eklatante Ineffizienzen an den Schnittstellen hin. „Zum Wohl multimorbider Menschen sollten Behandlungen wie Diabetes-Einstellungen oder Wundversorgung durch die Hauskrankenpflege erbracht werden. Der je nach Bundesland unterschiedlich hohe Selbstbehalt zwingt Betroffene aber aus finanziellen Gründen in Ambulanzen und Spitäler. Für die öffentliche Hand ein teurer Fehlanreiz. Sachgerechte Finanzierung der Versorgung am richtigen Ort sind leider ein Fall für die Blackbox Pflegepolitik“, klagt Parr. Gerade in Zeiten knapper Budgets müsse jeder Euro richtig eingesetzt werden. Die richtige Versorgung sei jene, die Menschen möglichst lange zu Hause unterstütze – und unnötige Krankenhausaufenthalte vermeide. „Ohne den zügigen Ausbau der Langzeitpflege lassen sich die demografischen Herausforderungen der kommenden Jahre nicht lösen. Sie muss deshalb raus aus der Blackbox und zurück auf den politischen Verhandlungstisch“, fordert die Caritas-Generalsekretärin.

Bessere Versorgung nach Spitalsaufenthalt! Mehr Reha-Kapazitäten! Prävention neu denken!

3,4 Millionen Einsatzfahrten verzeichnet das Rote Kreuz pro Jahr. Ein großer Teil entfällt auf Transporte Pflegebedürftiger vom und zum Spital. „Allein unsere Treibstoffkosten haben sich in den letzten Monaten um 5,6 Millionen Euro verteuert. Viele Fahrten ließen sich vermeiden. Sie sind nämlich dem Drehtüreffekt geschuldet, auf dessen kostensteigernde Effekte wir seit Jahren hinweisen. Unsere Vorschläge dazu sind leider in der Blackbox Pflegepolitik zermahlen worden“, sagt Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, und fährt fort: „Wir brauchen eine bessere Versorgung älterer Menschen nach Spitalsaufenthalten sowie für den Ausbau der Kapazitäten für Rehabilitation, sonst steht das Rote Kreuz bald wieder vor der Tür, um die entlassene Person – etwa nach einem erneuten Sturz – erneut ins Spital zu bringen. Das ist teuer und bindet ohnehin knappe Ressourcen im Gesundheitssyste. Er plädiert „für eine bessere Versorgung älterer Menschen nach Spitalsaufenthalten sowie für den Ausbau der Kapazitäten für Rehabilitation, sonst steht das Rote Kreuz bald wieder vor der Tür, um die entlassene Person – etwa nach einem erneuten Sturz – erneut ins Spital zu bringen. Das ist teuer und bindet ohnehin knappe Ressourcen im Gesundheitssystem“, so Opriesnig. Eine gute Nachsorge nach Spitalsaufenthalten und rasche Rehabilitation statt mehrmonatiger Wartezeiten, würden sicherstellen, dass Menschen durch mobile Dienste zuhause gepflegt werden können, statt ins Pflegeheim wechseln zu müssen. Ersteres koste die öffentliche Hand pro Person und Jahr ca. 4.000 Euro, das Pflegeheim rund 30.000 Euro, argumentiert Opriesnig. Er plädiert außerdem für Investitionen in zugehende Präventions- und Beratungsangebote sowie die gezielte Förderung der Selbstständigkeit im eigenen Haushalt.

Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt) ist der größte Verbund von Langzeitpflege-Anbietern in Österreich. Seit 1995 haben sich die großen gemeinnützigen Sozialorganisationen Österreichs – Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe – zusammengeschlossen. Im BAG-Verbund sind rund 22.500 Menschen in Pflege und Betreuung beschäftigt. Sie pflegen und begleiten 155.000 Menschen in mobiler und stationärer Pflege sowie in sonstigen Betreuungsformen. In der mobilen Pflege übernehmen die BAG-Organisationen zwei Drittel aller geleisteten Stunden.

Ihre Ansprechperson zu dieser Pressemitteilung

Dr.in Roberta Rastl-Kircher
Pressesprecherin & Medienarbeit