Als Autist selbstständig leben – und sich auf verlässliche Begleitung verlassen können

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26. März 2026
Für Philipp sind viele Menschen oft zu viel. Wenn alles vertraut ist, ist er jedoch sehr gesellig. Seine Wohnform „Stützpunktwohnen“ ermöglicht beides.

Eigenständig wohnen – mit Unterstützung in der Nähe

Philipp Hintner hat eine Wohnform gefunden, die gut zu ihm passt. Der 42-Jährige lebt als Autist selbstständig in einer eigenen Mietwohnung im Salzburger Stadtteil Gneis – und weiß gleichzeitig Unterstützung in unmittelbarer Nähe. Genau diese Verbindung aus Eigenständigkeit, Rückzugsmöglichkeit und Gemeinschaft gibt ihm Stabilität im Alltag.

Philipp wird im Rahmen des Stützpunktwohnens von der Diakonie begleitet. Direkt neben seiner Wohnung befindet sich eine gemeinschaftliche Wohnung – gewissermaßen das erweiterte Wohnzimmer für alle Bewohner:innen. Dort ist täglich für einige Stunden jemand aus dem Fachteam vor Ort: unter der Woche am Abend, am Wochenende auch tagsüber.

Gemeinsamkeit und Rückzug – beides ist möglich

Wenn Philipp Hintner von der Arbeit nach Hause kommt, schaut er gerne im gemeinsamen Wohnzimmer vorbei. Mit einem lauten „Hallo“ öffnet er die Tür, begrüßt die diensthabende Mitarbeiterin und die anderen Bewohner:innen, wenn gerade jemand da ist.

„Ich mag es hier. Vorher habe ich in einem großen Wohnhaus allein gewohnt. Da war ich oft einsam“, erzählt er.

Seit fast neun Jahren lebt er im Stützpunktwohnen – und fühlt sich dort sehr wohl. Wenn er Ruhe braucht, bleibt er in seiner Wohnung. Wenn er Gesellschaft sucht, ist sie nur wenige Schritte entfernt. Er kocht gerne mit anderen, isst gemeinsam und spielt Spiele. „Rummikub spiele ich am liebsten, da gewinne ich oft“, erzählt er stolz.

Selbstständig leben – und Hilfe bekommen, wenn sie nötig ist

Philipp Hintner lebt mit Autismus. Wie sich das im Alltag zeigt, beschreibt er selbst sehr klar: Wenn viele Menschen um ihn herum sind, wird es ihm schnell zu laut. Dann zieht er sich eher zurück und beobachtet. In vertrauter Runde ist er dagegen sehr gesellig und erzählt gern aus seinem Leben.

Mit dem Verein „Aktive“ ist er oft unterwegs und trifft Freunde, die er seit seiner Kindheit kennt. Wenn er ein Konzert entdeckt, das ihn interessiert, kauft er sich Karten und geht hin. Außerdem fährt er gerne Ski, Rad und Moped – auch wenn er im Winter nach einem Unfall vorsichtiger geworden ist.

Gut begleitet seit der Kindheit

Schon als Kind zeigte sich, dass Philipp Reize anders verarbeitet. „In der Schule habe ich nicht gesprochen, zuhause schon“, erzählt er. Dazu kam eine Hörschwäche, die zusätzliche Herausforderungen brachte.

Seine Familie hat ihn immer darin bestärkt, dass er auch mit der Diagnose Autismus seinen Weg finden wird. Verschiedene Therapien haben ihm geholfen – etwa bei der Konzentration. „Ich habe immer wieder Tiefs gehabt, aber jetzt ist es besser“, sagt er.

Arbeit, die ihm Freude macht

Nach der Schule lebte Philipp Hintner zunächst in einer betreuten Wohngemeinschaft in München und arbeitete in einer Gärtnerei. Später zog er zurück nach Salzburg und fand über Pro Mente eine Arbeitsstelle. Heute arbeitet er in der Mozart Destillerie in Salzburg. Dort kontrolliert er Flaschen, prüft Verschlüsse und achtet darauf, ob Etiketten richtig angebracht sind. „Die Atmosphäre taugt mir. Die Kollegen sind sehr nett, und auch mit dem Chef komme ich gut zurecht“, erzählt er. 

Im Stützpunktwohnen geht es darum, Fähigkeiten zu stärken und Selbstständigkeit weiterzuentwickeln. Seit einem halben Jahr nutzt Philipp deshalb auch ein Wäschetraining. Wir üben mit ihm, wie man die Wäsche gut versorgt, damit nichts zu stark zerknittert. Philipp nimmt diese Unterstützung gerne an. Für ihn bedeutet sie zusätzliche Sicherheit – und ein weiteres Stück Selbstständigkeit.

Margit Leitold, Leitung Stützpunktwohnen

Philipp benötigt im Alltag nur wenig Unterstützung. Sein Beispiel zeigt: Selbstständiges Leben mit Autismus kann viele Formen haben. Entscheidend ist nicht, wie viel Unterstützung jemand braucht, sondern dass sie passend ist und verlässlich zur Verfügung steht.

Stützpunktwohnen: allein leben und trotzdem Gemeinschaft haben

Beim Stützpunktwohnen leben Menschen mit Behinderungen mit leichtem bis mittlerem Betreuungs- und Pflegebedarf gemeinsam mit Senior:innen, jungen Menschen und Familien in einem Gebäude.

Jede Person lebt selbstständig in einer eigenen Wohnung. Gleichzeitig können die Mieter:innen – je nach Wunsch – an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen, etwa gemeinsam kochen oder Ausflüge am Wochenende unternehmen.

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