Berufliche Neuorientierung: „Man muss oft einfach mutig sein“

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14. August 2026
Berufliche Neuorientierung im Sozialbereich: Am Campus:Inklusiv in Feldkirchen bietet die Diakonie de La Tour seit 10 Jahren berufsbegleitende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten mit hohem Praxisbezug. Drei Studierende erzählen, warum sie nach Jahren in ihrem ursprünglichen Beruf einen Neuanfang wagen.

Noch einmal neu anfangen. Noch einmal lernen. Noch einmal den eigenen beruflichen Weg verändern. Für viele Menschen klingt das im Erwachsenenalter erst einmal nach einer großen Hürde. Doch die Erfahrungen von drei angehenden Sozialpädagog:innen zeigen: Es ist möglich — und oft genau der richtige Schritt.

Eva-Maria Diemling ist seit mehr als 30 Jahren im Sozialbereich tätig. Trotzdem hat sie sich entschieden, noch einmal eine berufsbegleitende Ausbildung zu beginnen. Warum? „Es war mir wichtig, mich weiterzubilden“, erzählt die 55-jährige. „Ich sag immer, ich habe einen Werkzeugkoffer für meine Arbeit. Und da gibt es halt Werkzeug, das nutzt sich ab und dann braucht man halt ein neues. Und Werkzeug entwickelt sich ja auch weiter.“ Für sie bedeutet Weiterbildung, fachlich am neuesten Stand zu bleiben — aber auch, die eigene langjährige Erfahrung neu einzuordnen. 

Stefanie Rauter hat während ihrer Arbeit in der Reha für psychische Erkrankungen, in der sie für die Lernbegleitung der Kinder von Patient:innen verantwortlich ist, gespürt, dass sie mehr möchte. „Ich habe während dem Arbeiten gemerkt: Ich will mehr. Ich will mehr wissen. Besonders beeindruckt hat mich da die Haltung einer Kollegin, die die Ausbildung zur Sozialpädagogik absolviert hat. Ich habe mir gedacht, das möchte ich auch alles können. Ich möchte wissen, warum Kinder handeln wie sie handeln und die Hintergründe verstehen“ beschreibt die 41-jährige ihre Motivation, die Ausbildung am Kolleg für Sozialpädagogik zu starten. Das ist jetzt drei Jahre her.

Milan Rasinger kam über einen anderen Weg zur Ausbildung. Nach neun Jahren als Masseur konnte der 49-jährige nach einem komplizierten Handgelenksbruch nicht mehr in seinem bisherigen Beruf arbeiten. Der Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, blieb. „Durch meinen früheren Beruf hatte ich ja immer schon den Hintergrund, Menschen zu helfen“, sagt er. Heute möchte er Kindern und Jugendlichen etwas mitgeben: „Ich möchte dabei helfen,  Kindern und Jugendlichen, die keine rosige Vergangenheit oder Gegenwart haben, wenigstens eine bessere Zukunft zu ermöglichen.“ 

Es war mir wichtig, mich weiterzubilden. Ich sag immer, ich habe einen Werkzeugkoffer für meine Arbeit. Und da gibt es halt Werkzeug, das nutzt sich ab oder entwickelt sich weiter - und dann braucht man ein neues. Für mich bedeutet Weiterbildung, fachlich am neuesten Stand zu bleiben — aber auch, die eigene langjährige Erfahrung neu einzuordnen.

Eva-Maria Diemling über ihre Motivation, die Ausbildung am Kolleg für Sozialpädagogik zu beginnen

Lernen im Erwachsenenalter: herausfordernd, aber bereichernd

Der Schritt zurück in eine Ausbildung ist nicht immer leicht. Beruf, Familie und Alltag gilt es, unter einen Hut zu bringen. Stefanie Rauter bringt es ganz offen auf den Punkt: „Wenn man arbeitet und Kinder hat, dann ist der Tag halt nicht so da zum Lernen. Früher konnte ich gut in der Nacht lernen, das fällt einem jetzt schon schwerer, aber es geht.“ Ohne Unterstützung ihrer Familie hätte sie diesen Weg nicht gehen können, sagt sie, ihre vier Kinder haben ihr da besonderen Halt gegeben. Gleichzeitig beschreibt sie die Ausbildung als große persönliche Bereicherung: „Alleine die Haltung ist ganz anders als vor drei Jahren. Weil man vieles neu erkennt und vieles auch anders versteht.“

Auch Milan Rasinger musste das Lernen erst wieder lernen. „Acht Stunden aktiv zuhören und sitzen bleiben, das bist du nicht mehr gewohnt“, sagt er. Gleichzeitig sieht er aber  gerade im Erwachsenenalter auch einen Vorteil: „Du hast einen gewissen Fokus, du hast ein Ziel vor Augen und du weißt, das muss ich jetzt erreichen.“

„Es ist mir nicht leicht gefallen am Anfang“, erzählt Eva-Maria Diemling. Aber sie blieb dran — auch, weil sie sich bewusst für diesen Schritt entschieden hatte. Heute sagt sie: „Man kann schon ein bisschen stolz sein, weil in unserem Alter ist das Lernen schon nicht mehr so einfach. Und wenn mir früher in der Schule die Noten auch egal waren, jetzt ist mir ein gutes Zeugnis schon sehr wichtig.“ Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen ist froh, dass sie die Matura schon mitgebracht hat, als sie die Ausbildung am Kolleg begann. Für Student:innen ohne Matura bieten die Kollegs für Sozial- und Elementarpädagogik am Campus:Inklusiv dank einer Kooperation mit der VHS die Möglichkeit, die Abendmatura parallel zu absolvieren. Zeitlich bedeutet das einen zusätzlichen Abend pro Woche Unterricht. Diese Option wird von einem nicht unwesentlichen Teil der Studierenden genutzt, so auch von Milan Rasinger: „Dass ich die Matura nebenbei mitmachen kann, war mit ein Grund, warum ich mich für die Ausbildung hier entschieden habe. Ich war doch schon in ganz Österreich unterwegs und ich glaube, diese Möglichkeit wird sonst kaum irgendwo angeboten.“

Dass ich die Matura nebenbei mitmachen kann, war mit ein Grund, warum ich mich für die Ausbildung hier entschieden habe. Ich war doch schon in ganz Österreich unterwegs und ich glaube, diese Möglichkeit wird sonst kaum irgendwo angeboten.

Unterschiedliche Lebenswege als Stärke

In der Ausbildung treffen Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen aufeinander: Jüngere und Ältere, Berufsneueinsteiger- und Quereinsteiger:innen, Menschen mit Familien, mit und ohne Berufserfahrung oder ganz neuen Zielen.
Genau darin sieht Eva-Maria Diemling eine große Bereicherung: „Es geht ja auch um die Lebenserfahrung, nicht nur um die Berufserfahrung.“ Jüngere würden andere Sichtweisen und neue Dynamik einbringen, Ältere wiederum Erfahrung und Reflexion. 
Milan Rasinger fasst es so zusammen: „Man lernt gegenseitig voneinander — über Werte, Haltungen, Jugendsprache, Lebenswelten und neue Perspektiven.“ 

Praxisnah lernen — und den eigenen Weg finden

Ein wichtiger Teil aller angebotenen Ausbildungen am Campus:Inklusiv ist die Praxis. Sie hilft, neue Felder kennenzulernen, eigene Stärken zu entdecken und herauszufinden, wohin der berufliche Weg führen kann.

Die Praktika seien ein essenzieller Teil der Ausbildung, erzählt Milan Rasinger: „Ich habe die Praktika als Möglichkeit gesehen zu schauen, was ich will und was ich nicht will.“ Genau diese Reflexion sei wertvoll, weil sie den Blick auf den späteren Beruf schärft. 

„Ich finde das wichtig und toll, dass man ein Fremdpraktikum machen muss“, sagt auch Eva-Maria Diemling, obwohl sie schon lange im Sozialbereich tätig ist. So könne man auch nach vielen Berufsjahren noch einmal „in etwas anderes hineinschnuppern“. 

„Trau dich“: Der Rat an alle, die über Veränderung nachdenken

Was würden die drei Menschen jemandem sagen, der über eine berufliche Neuorientierung nachdenkt, den Schritt aber noch nicht gewagt hat?

„Man sollte sich einfach trauen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Und mutig sein, man muss oft einfach mutig sein, egal, wie alt man ist“ lautet der Rat von Stefanie Rauter. Selbst wenn ein Weg nicht sofort der richtige sei, könne man wieder neu entscheiden: „Man kann ja wieder einen neuen Weg einschlagen. In jedem Alter.“

Milan Rasinger formuliert seine Motivation für Menschen mit Ausbildungswunsch so: „Ich würde immer ins kalte Wasser springen und neu anfangen. Weil weiter geht es immer irgendwie.“ Sein Rat: „Komm ins Tun, komm ins Gehen, dann kommt die Kraft von alleine.“

Die drei Geschichten zeigen: Berufliche Wege müssen nicht geradlinig sein. Man darf umsteigen, dazulernen, sich verändern und auch später im Leben noch neue Ziele verfolgen. Für einen Neustart ist es nie zu spät — manchmal braucht es nur den Mut, den ersten Schritt zu machen.

Man sollte sich einfach trauen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Und oft einfach mutig sein, egal, wie alt man ist. Man kann ja immer wieder einen neuen Weg einschlagen.

Stefanie Rauter, angehende Absolventin des Kollegs für Sozialpädagogik

Beste Berufsaussichten nach dem Abschluss

An Jobaussichten mangele es den Absolvent:innen der Ausbildungen nicht, berichtet Nathalie Genser, Fachvorständin am Kolleg für Sozialpädagogik. „Es gibt eine ganz große Nachfrage vom Arbeitsmarkt, weil ja auch die Einsatzgebiete unserer Absolvent:innen so breit gesteckt sind: von der schulischen Nachmittagsbetreuung über die mobile Kinder- und Jugendhilfe bis hin zum stationären Bereich. Ab weitgehend der Hälfte der Ausbildung sind schon alle vom Arbeitsmarkt aufgenommen. Wir legen in der Ausbildung ganz großen Wert auf einen hohen Praxisbezug, das wissen die künftigen Arbeitgeber. Wissen, Können und Haltung zu vereinen, das ist es, was unsere Teilnehmer:innen hier von der Ausbildung mitnehmen.“

Es gibt eine ganz große Nachfrage vom Arbeitsmarkt, weil ja auch die Einsatzgebiete unserer Absolvent:innen so breit gesteckt sind: von der schulischen Nachmittagsbetreuung über die mobile Kinder- und Jugendhilfe bis hin zum stationären Bereich.

Nathalie Genser, Fachvorständin am Kolleg für Sozialpädagogik

Berufsbegleitend studieren am Kolleg für Sozialpädagogik

Das Kolleg für Sozialpädagogik bietet eine sechssemestrige, berufsbegleitende Ausbildung, die man als Dipl. Sozialpädagog:in abschließt. 
Aufgabengebiete von Absolvent:innen sind unter anderem sozialpädagogische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, Familienintensivbetreuung, Kinder- und Jugendhilfe oder sozialpädagogische Betreuung von Kindern und Jugendlichen in ganztägigen Schulformen. 
Zusätzlich gibt es über eine Kooperation mit der VHS die Möglichkeit, die Matura parallel zur Ausbildung zu absolvieren.
 

Mehr Informationen zum Kolleg für Sozialpädagogik