Bildungsarbeit für Geflüchtete: Die Hoffnung nie verlieren

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24. August 2026
Das Bildungszentrum BACH in Mödling bietet Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografie kostenlose Bildung. Das schafft Teilhabe, auch wenn in unserer Gesellschaft einige Hürden bleiben

Juni 2026: Der Rekordsommer ist auch im niederösterreichischen Mödling angekommen. Die Straßen der gemütlichen Kleinstadt glühen, die Fenster sind verriegelt, niemand ist unterwegs – nicht einmal am idyllischen Mödlingbach. Wer hat da schon Lust zu lernen?

Ein paar Meter weiter: Lautes Lachen schallt aus einem Zimmer des BACH Bildungszentrums. Der ganze Kurs fiebert mit, während ein Teilnehmer vorne an der Tafel steht und eine gar nicht so einfache Rechnung löst: 27,8 x 76,7. Kriegt er das hin?

Kurz scheint er selbst zu zögern, wischt sich etwas Schweiß von der Stirn. Lehrer Jerome Goger gibt einen Tipp. Kurzes Innehalten, dann schreibt der Jugendliche das Ergebnis hin. Ein Teilnehmer springt auf und kontrolliert mit seinem Smartphone-Rechner: Richtig! Lauter Jubel. Auch Goger ist begeistert: „Super gemacht!“ 

Bildung in familiärer Atmosphäre

Das ist mir besonders wichtig: Wenn die Beziehung stimmt, kann man die Lerninhalte auch besser vermitteln.

Jerome Goger, Lehrer für Basisbildung bei BACH

„Bei allen Teilnehmenden im Kurs sehe ich eine große Motivation, weiterzukommen“, erzählt Jerome Goger danach im Gespräch. Der junge Mann mit langen Haaren und einem breiten Lächeln ist Lehrer für Basisbildung im BACH-Bildungszentrum Mödling. BACH ist ein kostenloses Bildungsangebot für Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografie, ganz unabhängig vom Alter.

Ob es sich dabei um Pflichtschulabschlüsse, Bildungs- und Berufsberatung, Alphabetisierungskurse oder, wie im Falle von Gogers Kurs, um die Basisbildung handelt. Bei BACH ist alles unter einem Dach. Für ein Bildungszentrum ist das nicht selbstverständlich. Das sieht auch Goger so: „Wenn die Menschen nach der Basisbildung hier auch ihren Pflichtschulabschluss machen, bleiben sie im gleichen Umfeld. Es ist alles sehr familiär.“

Die familiäre Atmosphäre erlebt man in Jerome Gogers Kurs sofort. Die jungen Erwachsenen strahlen dem Lehrer entgegen, folgen seinen Erklärungen genau, manchmal necken sie ihn liebevoll. „Dieses Semester habe ich eine traumhafte Gruppe.“ Auch wenn es manchmal laut und wild werde, wüssten alle intuitiv, wo die Grenzen lägen. Für Goger ist das auch ein Resultat guter Beziehungsarbeit: „Das ist mir besonders wichtig: Wenn die Beziehung stimmt, kann man die Lerninhalte auch besser vermitteln.“ 

„Schule richtet sich oft nach Defiziten. Wir konzentrieren uns auf die Stärken"

Einer von Jerome Gogers Kursteilnehmern ist Shamsudin. Mit ruhiger Stimme erzählt der Jugendliche von seinen Zukunftsplänen. Nach dem Basisbildungskurs möchte er bei BACH den Pflichtschulabschluss und dann eine Ausbildung machen. Immer wieder überlegt der 17-Jährige, setzt seine Worte wohlüberlegt: „Jeder wünscht sich eine gute Zukunft. Ich will in die IT.“

Shamsudin, der aus dem Norden Afghanistans kommt und dort bis zur 8. Klasse eine Schule besuchte, lebt seit zwei Jahren in Österreich. Gerade lernt er Deutsch und bei BACH die Fächer Biologie, Geografie, Deutsch und Mathematik. Wobei er vor allem Mathe und Biologie mag. „Die Lehrer*innen hier sind sehr nett und erklären mir alles. Ich habe hier so viel gelernt. Aber ich will auch weiterlernen.“

Jerome Goger freut sich, dass sich Shamsudin bereit erklärt hat, offen über seine persönlichen Neigungen und Ziele zu sprechen: „Allgemein hat Schule nämlich das Problem, dass sie nach Defiziten ausgerichtet ist. Oft heißt es: ‚Das kannst du noch nicht, das musst du noch lernen.‘ Bei BACH konzentrieren wir uns auf die Stärken der einzelnen Menschen.“ Jeder hier hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Themen. Jede Klasse ist anders.

Deutsch allein garantiert keine Teilhabe

Man darf die Hoffnung nicht verlieren. Egal, woher man kommt, welche Wünsche man hat oder welche Sprache man spricht. Man muss es versuchen.

Shamsudin, Teilnehmer des BACH-Basisbildungkurses

Für Lisa Steinberg, Referentin im Fachbereich Integration und Bildung bei der Diakonie Eine Welt, ist klar: „Teilhabe braucht mehr als nur Deutschkenntnisse.“ Es gehe genauso um die Lernkompetenz überhaupt, darum, wie man lernt und sein Wissen sortiert. Ebenso wichtig ist ein klarer Alltagsbezug. Warum zum Beispiel kosten Lebensmittel im einen Supermarkt mehr und im anderen weniger? Gerade für Menschen, die mit wenig formaler Schulbildung nach Österreich kommen, ist dieser Alltagsbezug zentral.

Gerade deshalb fragen Angebote wie BACH ganz konkret nach individuellen Wünschen und Zielen. An den Kursen nehmen meist nur etwa 10 Menschen teil, Einzelinteressen können so berücksichtigt werden. Lehrer wie Jerome Goger werden noch dazu von freiwilligen Lernbegleiter*innen unterstützt. Lisa Steinberg: „Grundsätzlich wird in der Basisbildung immer überlegt: ‚Was ist schon da? Und wo wollen die Teilnehmenden hin?‘“

Alle Probleme kann die Bildungsarbeit bei BACH allerdings nicht lösen, vor allem nicht solche mit gesamtgesellschaftlichen Dimensionen: „Es gibt weiterhin institutionelle Diskriminierung, gerade was den Zugang zum Arbeitsmarkt betrifft. Das gilt gerade für unsere Zielgruppe, die immer von Armut bedroht ist.“

Während des heißen Sommertags ist im BACH Bildungszentrum davon nichts zu spüren. Nach der Mathematikeinheit schlendern die jungen Kursteilnehmer durch das Treppenhaus, machen Witze über die Generation ihres Lehrers und schmieden Sommerpläne. Shamsudin gesellt sich zu ihnen. Noch vorher hatte er das Gespräch mit einem Appell beschlossen: „Man darf die Hoffnung nicht verlieren. Egal, woher man kommt, welche Wünsche man hat oder welche Sprache man spricht. Man muss es versuchen.“ Der junge Mann ist unterwegs.