Careleaver mit Fluchtgeschichte: Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen

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27. Februar 2026
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete stehen vor vielen Herausforderungen: Ein neues Land, eine neue Sprache, und alles ohne Familie

Amani atmet langsam aus. „Das war eine schwierige Zeit. Wenn du ganz allein hier bist und die Sprache nicht kannst. Du kannst nicht erklären, was du brauchst. Wenn du mit deinen Eltern herkommst, ist es viel leichter. Sie können dir Ratschläge geben und dich bei allem unterstützen.“

Amani ist 27 und lebt seit über 10 Jahren in Wien. Ihre Familie kommt aus Somalia, ihre Eltern leben nicht mehr.

Als Jugendliche wohnte Amani bei ihrem Onkel in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Als der zurück nach Somalia musste, ist sie nicht mitgegangen.

Amani nahm stattdessen die Reise in die Türkei und später nach Österreich auf sich. Den arabischen Namen Amani hat sie sich für das Gespräch selbst gegeben. Zur Anonymisierung, aber auch, weil er für Hoffnung steht.

Verlorene Zeit statt Selbstständigkeit

Ich habe so viel Zeit verloren. Ich hätte so gerne eine Ausbildung angefangen. Aber alles hängt von deinem Asylstatus ab.

Amani

Als Amani mit 17 Jahren nach Österreich kommt, ist sie eine „unbegleitete minderjährige Geflüchtete“, eine „UMF“. Mit 18 Jahren wird sie zur „Careleaverin“. Beide Bezeichnungen stehen für eine schwierige Ausgangssituation: Als junge Erwachsene verliert Amani plötzlich ihren Anspruch auf Betreuung und soll auf eigenen Beinen stehen.

Mit 18 Jahren muss Amani die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen. Dort war sie mit anderen gleichaltrigen Mädchen untergebracht gewesen, und hatte viel Unterstützung durch die Betreuer:innen erfahren. Sie kann in eine WG ziehen und im Juli 2015 ihren Antrag auf Asyl stellen.* Damit beginnt die schwierigste Phase ihres Lebens in Österreich.

Ohne Asyl-Anerkennung können junge Menschen keine Ausbildung machen

„Ich habe so viel Zeit verloren“, erzählt Amani und schüttelt den Kopf. Weil ihre Identität nicht verifiziert werden kann, muss sie ganze drei Jahre auf ihren Asylbescheid warten. Drei Jahre, in denen die junge Erwachsene keine Fortbildung machen und nicht arbeiten kann. „Ich hätte so gerne eine Ausbildung angefangen. Aber alles hängt von deinem Asylstatus ab.“

Stattdessen beginnt Amani einen Deutschkurs und trifft sich mit anderen Menschen, die ihr Schicksal teilen: „Es ist erleichternd, die Geschichten von anderen zu hören. Man denkt, man hat viele Probleme, aber man vergisst sie, wenn man andere Erfahrungen hört.“

Im April 2018 ist es endlich so weit: Amani erhält ihren Asylstatus. Mittlerweile ist sie 21 Jahre alt. Anderen Geflüchteten wünscht sie, dass sie es leichter haben.

Wer ohne Eltern das Asylverfahren durchläuft, hat es schwer

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete müssen ohne ein stabiles familiäres Netzwerk selbstständig werden. Hinzu kommt, dass sie eine Sprache erlernen und sich in einer Gesellschaft zurechtfinden müssen, deren Werte und Normen sich von jenen des Herkunftslandes stark unterscheiden.

Marion Hackl, Einrichtungsleitung KARIBU

Amani weiß, dass gerade jene, die ohne Eltern nach Österreich kommen, große Probleme haben: Schwierigkeiten mit der Sprache, Orientierungslosigkeit und keine Eltern, die weiterhelfen. „Manche werden depressiv oder drogensüchtig, weil sie niemanden haben, an den sie sich wenden können.“

Careleaver müssen ohne stabiles Familiennetz selbständig werden

„Wie alle Careleaver müssen unbegleitete minderjährige Geflüchtete ohne ein stabiles familiäres Netzwerk selbstständig werden“, erklärt Marion Hackl, Leiterin von KARIBU, eine Einrichtung für Wohnplätze und Betreuung der Diakonie in Wien.

„Hinzu kommt, dass sie in dieser sensiblen Entwicklungsphase eine Sprache erlernen und sich in einer Gesellschaft zurechtfinden müssen, deren Werte und Normen sich von jenen des Herkunftslandes stark unterscheiden.“

Noch dazu haben unbegleitete minderjährige Geflüchtete nicht immer Zugang zu sozialstaatlichen Unterstützungsangeboten: Grund ist zum Teil ihr Aufenthaltstitel (Asylwerberin, subsidiär Schutzberechtigte oder Asylberechtigte), teils die kurze Dauer, die sie in Österreich leben, teils andere Zugangsvoraussetzungen, die sich an den Lebensläufen von hier geborenen Menschen orientieren und auf ihre besondere Situation keine Rücksicht nehmen.

Die Suche nach Verständnis

Es ist wichtig, dass man in seiner Muttersprache beraten wird. In der Muttersprache kann man äußern, was einem fehlt. Man fühlt sich verstanden und kann aufblühen.

Amani

Die Diakonie vergibt über KARIBU selbstbestimmte Wohnplätze an junge Erwachsene. „Ein Großteil ehemaliger Klient:innen lebt mittlerweile eigenständig und geht einer stabilen beruflichen Beschäftigung nach“, erzählt Marion Hackl. Zu ihnen zählt auch Amani. Über KARIBU hat sie eine Wohnung gefunden. Ein Angebot, dass sie auch anderen jungen Geflüchteten wünscht.

An KARIBU schätzt Amani vor allem die mehrsprachigen Beratungen: „Es ist wichtig, dass man in seiner Muttersprache beraten wird. In der Muttersprache kann man äußern, was einem fehlt. Man fühlt sich verstanden und kann aufblühen.“

Später wird Amani selbst Dolmetscherin in einer Beratungsstelle. Aktuell holt sie ihre Matura nach. Sie möchte Soziale Arbeit studieren. Man merkt ihr an, dass sie dankbar ist und anderen jungen Menschen etwas zurückgeben will.

*Das Integrationshaus in Wien hat Amani dabei unterstützt.