Gemeinschaft statt Kälte

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28. Januar 2026
Einen Weg aus den eisigen Temperaturen. Diese Möglichkeit bietet das Chancenhaus Rossauer Lände in den Wintermonaten. Wer sich mit den Bewohner:innen unterhält, erfährt, um was es auch geht: Gemeinschaft und Zuversicht über den Winter hinaus.

Spiegelglatte Straßen, eisiger Wind und Ausfälle im öffentlichen Verkehr: Die klirrende Kälte der letzten Wochen hatte für alle Menschen in Österreich spürbare Auswirkungen. Für Personen die von Obdachlosigkeit betroffen sind, ist sie jedoch lebensgefährlich. Trauriger Höhepunkt: Innerhalb von nur zwei Tagen sind in Wien zwei obdachlose Männer erfroren. Die Meldungen beim Kältetelefon der Caritas haben Rekordzahlen erreicht. Allein in Wien waren es zuletzt rund 450 pro Tag.

Wie viele Personen insgesamt kein schützendes Zuhause haben, ist schwer zu beurteilen. Laut Statistik Austria waren im Jahr 2024 21.073 Personen in Österreich als obdachlos oder wohnungslos registriert. Allerdings kann diese Zahl nur als Untergrenze verstanden werden, da es eine sehr hohe Dunkelziffer an nicht registrierten Personen gibt.

Doch wohin können sich betroffene Menschen wenden? Eine niederschwellige Anlaufstelle bieten die neun Wiener Chancenhäuser, die von verschiedenen Trägern betrieben werden. Die jüngste dieser Einrichtungen ist das Chancenhaus Rossauer Lände der Diakonie, das im Juli 2024 eröffnet wurde.

Mehr als ein Dach über dem Kopf

Dort zeigt sich, was betroffenen Menschen brauchen, ist nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch ein soziales Umfeld. Gerade an Weihnachten war wieder zu beobachten, dass vielen Menschen die Familie oder andere soziale Kontakte fehlen. Christoph Gruber, Teamleiter im Chancenhaus Rossauer Lände, weiß von diesen schwierigen Erfahrungen. Gleichzeitig sucht er auch in der schwierigen Zeit nach Lichtblicken.

Und von denen gab es im kalten Dezember einige: „In der Advent- und Weihnachtszeit haben unsere Mitarbeiter:innen mit viel Eigeninitiative und Engagement gemeinsam mit unseren Bewohner:innen Kekse gebacken, Quiz und Bingo gespielt und Kränze gebastelt." Gerade daran merke man, was gemeinschaftliche Aktivitäten auslösen können, so Christoph Gruber. „Manche Bewohner:innen, die sonst sehr zurückhaltend sind, kommen ins Gespräch und nehmen Unterstützung besser an."

Solidarität als Geschenk

Und nicht nur innerhalb des Chancenhauses wächst die Solidarität. Gerade in den Wintermonaten erlebe man viel Unterstützung und Verständnis von Seiten der Gesellschaft, so Christoph Gruber: „Ein besonderes Zeichen war der Adventkalender vom Evangelischen Realgymnasium Donaustadt und unserer Nachbarsschule. Die gesammelten Kleinigkeiten wurden im Rahmen einer Weihnachtfeier an unsere Bewohner:innen feierlich als Geschenke übergeben."

Das Chancenhaus Rossauer Lände bietet obdach- und wohnungslosen Menschen Notunterkunft für einige Monaten. Ein Team unterstützt beim Finden einer passenden und dauerhaften neuen Wohnstätte. Ein Sicherheitsanker in der schwierigen Zeit und eine Möglichkeit, den kalten Winter auf der Straße mit anderen Augen zu sehen.

Dass uns in der schwierigen Situation, in der wir uns befinden, nicht „nur“ geholfen wird, sondern wir damit auch nicht alleine gelassen werden. An das erinnern wir uns nicht nur über die Wintermonate. Daran werden wir uns immer zurückerinnern.

Maryam, Bewohnerin des Chanceshauses Rossauer Lände

Warme Räume, warme Worte

Doris* beispielsweise hat unter dem Winter bisher nicht gelitten. Im Gegenteil, der seltene Wiener Schnee begeistert sie: „Es ist schön, wenn Schnee liegt. Gerade für Kinder ist es optimal: Schneeballschlachten, Eislaufen, Schneemänner bauen. Es ist auch schön, wenn Schnee fällt, den Flocken dabei zuzusehen, wie sie tanzen!" Sie findet aber auch, dass diese Perspektive nicht selbstverständlich ist: „Die in einem Quartier wohnen haben es sicher besser als jene, die komplett unterstandslos sind."

Peter* schließt sich dem an: Im Chancenhaus gehe es ihm diesen Winter gut. Alle Räume sind beheizt, es gibt warmes Wasser und die Betreuung ist sehr freundlich. „Das Wichtigste ist, dass wir hier nicht frieren müssen." Ebenso freut er sich über die Kleiderspenden. Das Chancenhaus sucht jederzeit Sachspenden für seine Klient:innen, ob es sich um Kleidung, haltbare Lebensmittel oder Hygieneartikel handelt.

Nicht alleine gelassen

Mario* hingegen kämpft mit einer schwierigen Diagnose. Dass er sich im Winter weniger draußen aufhalten kann, belastet ihn zusätzlich. Etwas Ablenkung von den schweren Ereignissen gab ihm ein Job, den er Anfang des Winters ausüben konnte. Er hat auch Freund:innen im Chancenhaus, Menschen, die sich für ihn und seine Lage interessieren. „Das tut in der Seele gut", sagt er.

Respekt, Verständnis und Unterstützung. Davon berichtet auch Maryam* – und wünscht sich dasselbe für andere obdach- und wohnungslose Personen. Wie Doris weiß sie, dass das alles andere als selbstverständlich ist. „Dass uns in der schwierigen Situation, in der wir uns befinden, nicht ‚nur' geholfen wird, sondern wir damit auch nicht alleine gelassen werden. An das erinnern wir uns nicht nur über die Wintermonate. Daran werden wir uns immer zurückerinnern."

*Namen geändert