Nadine gewinnt ihr Leben zurück
- Story
Nadine W. erzählt, wie sie ihre Essstörung überwunden hat.
„Ich bin Nadine und bin 19 Jahre alt. Ich hatte seit ich 13 war mit einer Essstörung zu kämpfen. Jetzt geht es mir aber wirklich gut. Das habe ich meiner Familie zu verdanken, die mich nie bewertet und immer unterstützt hat, und der WG Kaya und all den lieben Menschen dort. Ich hab mich dort selbst wieder finden dürfen.
Bevor ich in die Essstörungs-WG der Diakonie in Linz gezogen bin, war ich lange im Krankenhaus und auch in einer Klinik. Aber das hat mir alles nicht geholfen. Gesund werden konnte ich erst, als ich eingesehen habe, dass ich schwer krank war, und wirklich Hilfe annehmen wollte. Beim ersten Versuch in der WG bin ich über die anstrengenden ersten zwei Wochen nicht hinausgekommen, weil alles so geregelt war. Aber je mehr ich dann beim zweiten Mal mitgemacht habe, je mehr ich mich auf die Therapien einlassen konnte, desto freier wurde der Alltag.
Klick gemacht hat es im Gruppenurlaub. Da habe ich verstanden: Ich kann essen, und mir passiert nichts. Der Weg dahin war lang. Aber ab diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich wieder nach vorne schauen kann.
Ich konnte neben den Therapien meine Ausbildung zur Kindergartenassistentin anfangen, die ich nach dem Auszug aus der WG abgeschlossen habe. Außerdem bin ich in meine eigene Wohnung gezogen und seit Herbst arbeite ich fix in einem Kindergarten.
Heute habe ich wieder Zukunftspläne. Ich möchte gar nicht mehr so an das Vergangene denken. Ich mag arbeiten, Freunde treffen, verreisen und einfach all die schönen Dinge erleben, die das Leben bietet! Einfach jugendlich sein. Ich liebe es, wieder zu leben und nicht nur zu überleben.
Hoffnung bedeutet für mich, immer etwas Positives in einer Situation zu sehen – um gestärkt hervorzutreten!“
Die Leiterin der Wohngemeinschaft Kaya erzählt, wie sie Nadines Weg erlebt hat.
„Wenn ich an Nadine denke, kommt mir als Erstes in den Sinn, wie viel Kraft und Positives in ihr steckt. Sie hat einen langen Weg hinter sich, der wirklich nicht immer einfach war. Umso schöner war es zu erleben, wie ihre Lebensfreude Schritt für Schritt zurückgekommen ist.
Wir Mitarbeiter:innen in den WGs Kaya begleiten die Bewohner:innen, aber wir können den Weg nicht für sie gehen. Mehrere Berufsgruppen arbeiten bei uns eng zusammen, geben Sicherheit und schaffen einen Rahmen, in dem Veränderung möglich wird. Gerade am Anfang ist viel Struktur wichtig. Die Essstörung bekommt dadurch weniger Raum und die jungen Menschen müssen nicht jede Entscheidung allein treffen. Gleichzeitig ist die WG Kaya ein Ort, an dem niemand bewertet wird und an dem man einfach sein darf. Auch wenn man selbst noch gar nicht weiß, wer man ohne die Essstörung ist.
Darauf hat sich Nadine eingelassen. Sie hat die Unterstützung angenommen, Vertrauen aufgebaut und unglaublich viel Mut bewiesen. Darauf kann sie wahnsinnig stolz sein! Was mich besonders freut ist, dass unsere Beziehung nicht mit dem Auszug aufgehört hat. Wir treffen uns heute noch manchmal auf einen Kaffee oder zum Spazieren. Es ist was ganz Besonderes zu sehen, wie Nadines Leben weitergeht – wie sie sich in eine Ausbildung rein-getigert hat, wieder fortgeht, und den Alltag in der ersten eigenen Wohnung meistert.
Genau das gibt mir Hoffnung: Zu merken, was möglich wird, wenn Menschen die richtige Unterstützung bekommen und wieder an ihre Zukunft glauben.
Essstörungen gehören ja zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen und verlaufen oft über viele Jahre. Es ist sehr wichtig, dass Betroffene früh unterstützt werden.
Genauso wichtig ist, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen. Zum Beispiel in Gesprächen: Leider ist es immer noch üblich, dass Körper von Menschen bewertet und Gewichtsveränderungen kommentiert werden. Das kann sehr belastend sein, dabei sagt das nichts über einen Menschen aus. Ich wünsche mir, dass wir genauer hinschauen, dass in den Medien darüber berichtet wird und dass wir offener über Essstörungen sprechen. Und es soll selbstverständlich werden, sich Hilfe zu holen.“
Was muss passieren, damit Menschen mit Essstörungen wie Nadine W. gut unterstützt werden und Fachkräfte wie Nadine L. die passende Hilfe bieten können?
Viele Kinder und Jugendliche erhalten in Österreich nicht die für sie notwendigen therapeutischen Unterstützungen. Es gibt zu wenig kostenfreie Plätze oder unzumutbar lange Wartezeiten. Es mangelt an betreuten Wohnplätzen, an ambulanter Begleitung und an stabilen Unterstützungsstrukturen. Besonders prekär ist die Lage in ländlichen Regionen sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Bei Essstörungen zeigt sich diese Versorgungslücke besonders deutlich. Vor allem junge Frauen sind betroffen.
Nach einem stationären Aufenthalt stehen österreichweit lediglich drei spezialisierte Wohngemeinschaften (2 WG Kayas in Oberösterreich und die Diakonie Essstörungsklinik in Kärnten) für die notwendige Nachbetreuung zur Verfügung.
Als Diakonie setzen wir uns dafür ein, dass dieses Angebot ausgebaut wird. Denn Kinder und Jugendliche brauchen verlässliche Unterstützung, um wieder in ihren Alltag zurückzufinden und langfristig gesund zu werden. Angesichts der psychosozialen Probleme sind das nicht nur Kosten, sondern vielmehr wirksame Investitionen in die Gesundheit und die Zukunft junger Menschen.
Deshalb: Therapielücke bei Kindern und Jugendlichen schließen. Jetzt!
Hoffnung braucht dein Ja
Gerade in Zeiten von Krisen möchte die Diakonie das weitergeben, was ermutigt und trägt: Hoffnung. Hoffnung ist wie ein Lächeln – sie steckt andere an.
Lassen auch Sie sich anstecken und lernen Sie unsere Hoffnungsträger:innen kennen!