Neue Perspektiven wagen: Ein Abschied von Aufschwung

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28. November 2025
Aufschwung half Geflüchteten beim Jobneustart. Nach sechs erfolgreichen Jahren muss die Beratungsstelle nun Ende des Jahres schließen. Dabei wird ihr Angebot gerade jetzt besonders dringend gebraucht.

„Was ist dein Lieblingsessen? Und wie wird es zubereitet?" Auf diese Fragen war Bojanas Klient vorbereitet. Er antwortete ohne Zögern und bekam den Ausbildungsjob als Koch beim WAFF. Eine Erfolgsstory unter vielen und für Bojana ein Beleg dafür, dass ihre Beratungstätigkeit bei Aufschwung Früchte trägt.

2019 wurde die Wiener Beratungsstelle gegründet. Ziel war, vorwiegend subsidiär Schutzberechtigten (Menschen mit befristetem Aufenthaltsstatus) Orientierung auf dem österreichischen Arbeitsmarkt zu geben. Menschen sollten eine existenzsichernde Beschäftigung erhalten, unabhängiger von staatlichen Leistungen werden. Soziale Integration.

Das Aufschwung-Programm war bunt und vielfältig: Beratungsgespräche, Workshops und individuelle Begleitung. Mal konnten Klient:innen die Fachsprache in der Lagerarbeit lernen, mal Selbstvertrauen im Bewerbungsgespräch. Ein Workshop behandelte die Tücken und Chancen im Umgang mit der KI.

Selbstbewusstsein in der Fremde

Manchmal halfen auch neue, professionelle Bewerbungsfotos. Anfang des Jahres kooperierte Aufschwung mit der 5. Klasse der Höheren Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt („Die Graphische“). Die Schüler:innen übten sich als Porträtfotograf:innen, die Aufschwung-Klient:innen erhielten überzeugende, selbstbewusste Porträts. Eine Win-Win-Situation!

Die Stimmung bei Aufschwung? Zwanglos. „Die Menschen kamen immer aus eigenem Antrieb", erzählt Angelika Welebil, Einrichtungsleitung. Und: „Viele Beratungsgespräche gingen länger als eine Stunde. Wir haben uns Zeit genommen für eine prozesshafte Begleitung über mehrere Monate. Dadurch konnten wir unsere Klient:innen nachhaltig unterstützen." Auch Mitarbeiter:innen andere Organisationen bot Aufschwung ein Forum. Beim Vernetzungsbrunch in den Aufschwung-Räumen in der Graumanngasse 7 konnten sich die Vernetzungspartner:innen über Informationen und Angebote für Klient:innen austauschen.

Manche Klient:innen konnten kaum lesen und schreiben, andere verfügten über akademische Abschlüsse. Manche waren von den Erfahrungen der Flucht gezeichnet, andere waren sehr motiviert, in Österreich neu zu beginnen.

Angelika Welebil, Einrichtungsleitung Aufschwung

Große Erfolge...

Zwischen 2019 und 2025 betreute die Beratungsstelle 1.737 Personen aus 58 Ländern. In der Klient:innen-Datenbank sind bis Oktober 2025 21.348 Beratungseinträge dokumentiert. Um die 60 Prozent der Teilnehmenden konnte erfolgreich in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden. Und auch jene, die keinen unmittelbaren Arbeitsplatz fanden, profitierten spürbar – etwa durch ein besseres Verständnis des österreichischen Arbeits- und Bildungssystems, das in vielen Gesprächen von Grund auf erklärt werden musste.

Die Klient:innen brachten sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Angelika Welebil: „Einige hatten nur wenige Jahre Schulbildung oder konnten kaum lesen und schreiben. Andere verfügten über akademische Abschlüsse. Manche waren von den Erfahrungen der Flucht gezeichnet, andere waren sehr motiviert, in Österreich neu zu beginnen."

...in schwierigen Zeiten

In den Beratungsgesprächen erzählten viele Klient:innen von ihrem Frust. Nur wenigen gelingt es in Österreich, an ihr früheres Berufsleben anzuknüpfen. „Der Polizist, der nun als Gärtner arbeitet oder die Lebensmitteltechnikerin, die noch immer keine Stelle gefunden hat. Das sind keine Einzelfälle", weiß Welebil, „das österreichische Arbeitsmarktsystem ist leider wenig durchlässig."

Die Aufschwung-Leiterin weiß aus eigener Erfahrung: Baustellen gibt es auf dem Arbeitsmarkt viele. Oft gehe es um falsche Erwartungshaltungen: So werden Geflüchtete an ihren Deutschkenntnissen gemessen, wobei doch eigentlich klar sei, dass man Sprachen am besten beim Tun lerne. Zudem stünden manche Kompetenzen und Fähigkeiten vielleicht nicht im Lebenslauf, einbringen könnten Bewerber:innen diese aber trotzdem. Klar ist: Es geht um Vertrauen. Und um Wissen: Denn während die bürokratischen Strukturen hierzulande komplex sind, fehlen vielen Arbeitgeber:innen Informationen zum Asylsystem. Viele wissen auch gar nicht, welchen Belastungen Menschen mit Flucht- und Verlusterfahrungen ausgesetzt sind.

Der Zukunft mutig entgegenschauen

Das Auslaufen der Förderung für Aufschwung und damit das Ende der Beratungsstelle am 31. Dezember kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Stadt Wien hat für 2026 angekündigt, die Mindestsicherung für subsidiäre Schutzberechtigte zu streichen. „Gerade jetzt ist eine kontinuierliche, spezialisierte Arbeitsmarktberatung wichtiger denn je", plädiert Welebil, „ohne ergänzende Unterstützung werden viele Betroffene – insbesondere Familien, ältere Menschen oder Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen – Schwierigkeiten haben, ihre Lebenshaltungskosten zu decken."

Aufschwung hätte diese Entwicklung nicht aufhalten können. Aber sie hätte einigen Menschen weiter dabei helfen können, ihr Leben in Österreich zu stabilisieren. „Statt solche Einrichtungen zu schließen, wäre es dringend nötig, sie auszubauen und zu stärken", schließt Welebil. Immerhin weiß die Einrichtungsleiterin, dass schon einiges getan ist. Sie ist stolz auf alle Klient:innen, die Aufschwung in den letzten Monaten noch in Arbeit bringen konnten – wissend, dass für sie bald schwierige Zeiten anbrechen.

AUFSCHWUNG Wien Berufsvorbereitung / Integrationsarbeit / Arbeitsmarktberatung
Wien