„Niemand will in Dunkelheit leben“
- Story
Amir Safi* lebt seit 2014 in Österreich, seine Familie im Iran. Geboren in Afghanistan, beschäftigt ihn besonders die Situation von Frauen in seinem Geburtsland, die dort massiven Einschränkungen ausgeliefert sind.
Wenn Amir Safi von seiner Familie erzählt, huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. Besonders dann, wenn es um seine drei Schwestern geht, die mit den Eltern im Iran leben. Während des Gesprächs zeigt er ein Selfie auf seinem Handy: Drei junge Frauen blicken lachend in die Kamera, unverschleiert, lebensfroh und selbstbewusst. Die jüngste Schwester ist 13, die älteste 25. Ein Bild, das in vielen Ländern selbstverständlich wirken würde – für viele Mädchen und junge Frauen aus afghanischen Familien jedoch nicht.
Safi lebt seit 2014 in Österreich. Geboren in Afghanistan, floh seine Familie früh in den Iran. Dort leben sie bis heute mit unsicherem Aufenthaltsstatus und eingeschränkten Perspektiven. „Du kannst nicht einfach in die Schule gehen oder einen Führerschein machen“, sagt er. „Und du hast immer Angst, dass du abgeschoben wirst.“
Frauen haben es in Afghanistan besonders schwer
Im Iran sei das Leben für Afghanen schwierig, sagt Safi. In Afghanistan aber noch einschneidender. Besonders die Situation der Frauen beschäftigt ihn. Seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 dürfen Frauen keine weiterführenden Schulen besuchen, viele Berufe nicht mehr ausüben und oft nicht ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. „Das schockiert mich“, sagt er. „Wie soll ein Land so eine Zukunft haben?“ Vor allem ein Widerspruch macht ihn fassungslos: „Frauen dürften keine Ärztinnen werden, gleichzeitig aber nicht von männlichen Ärzten behandelt werden. Das ergibt doch keinen Sinn“, erzählt er.
„Meine Eltern denken sehr offen“, erzählt Safi. „Meine Schwestern dürfen selbst entscheiden, ob und wen sie heiraten wollen.“ Dass Frauen in Afghanistan oft keine Wahl hätten und mit Männern verheiratet würden, die sie vorher nie gesehen haben, kann er nicht verstehen. „Das ist eine absolute Katastrophe.“
Bildung ist der Schlüssel zur Veränderung
Für Safi ist Bildung der Schlüssel zur Veränderung. „Niemand will in Dunkelheit leben“, sagt er. Mit „Dunkelheit“ meint er das Taliban-System. „Viele Menschen können nicht lesen und schreiben. Deshalb haben religiöse Führer so viel Macht und bestimmen über das Leben anderer.“
Er glaubt dennoch an Veränderung. Nicht nur Frauen, auch viele junge Männer wünschten sich ein anderes Afghanistan. „Die Menschen wollen Freiheit, Bildung und ein normales Leben“, sagt er. Wenn er alte Filmaufnahmen aus Kabul aus den 1960er-Jahren auf YouTube sieht, wird er traurig. „Damals gab es Universitäten, Musik und Kultur. Frauen konnten freier leben. Vieles war moderner als heute.“
Auch Amirs eigener Weg war schwierig.
Auch sein eigener Weg war schwierig. Er kam über die Türkei nach Europa, arbeitete in verschiedenen Jobs und fand in Österreich Flüchtlingsschutz, und eine neue Perspektive. Über das Projekt „migrants care“, welches in Kärnten von der Diakonie de La Tour durchgeführt wird, hatte er zunächst den Wunsch, in der Pflege mit älteren Menschen zu arbeiten.
Schließlich entschied er sich für einen anderen beruflichen Weg, weil er dort bessere Möglichkeiten sieht. Heute arbeitet er als Elektrohelfer und möchte sich weiterentwickeln, auch um seine Familie im Iran zu unterstützen. „Ich schicke meinen Eltern und meinen Schwestern Geld“, sagt er, nun wo er den finanziellen Spielraum dazu hat.
In Österreich ist er inzwischen angekommen: Er hat eine eigene Wohnung, den Führerschein gemacht und arbeitet mit österreichischen Kollegen zusammen, aus denen auch Freundschaften entstanden sind. „Ich bin froh, hier zu sein und arbeiten zu können“, sagt er.
Trotz seines neuen Lebens in Österreich fehlt ihm etwas: die gemeinsame Zeit mit seiner Familie. „Zwischen 16 und 29 Jahren passiert so viel im Leben“, sagt er. „Diese Jahre mit meinen Eltern und Schwestern bekomme ich nicht zurück.“
Auch an Afghanistan denkt er oft. „Ich hoffe, das Land eines Tages anders kennenzulernen“, sagt er. „Als ein freies Land, in dem auch Frauen frei über ihr Leben entscheiden können – ohne die Taliban.“
*Name geändert