Wenn Mama heimlich weint

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30. November 2025
Eine alleinerziehende Mutter kämpft mit ihren Kindern unter schwierigen Bedingungen um Stabilität und ein besseres Leben. Viele notwendige Ausgaben können nicht finanziert werden. Die Sozialpädagogische Familienbetreuung der Diakonie de La Tour begleitet die Familie mit viel Engagement und schenkt Hoffnung auf Selbstständigkeit sowie auf ein Stück Normalität.

Mama weint oft. Sie tut es heimlich. Doch ich sehe es“, sagt die sechsjährige Anja* fast flüsternd. „Vielleicht, weil mein Bruder Leo* nachts wieder Angst hat und schreit. Ich wache auf – aber ich tue so, als würde ich schlafen. Mama merkt das. So wie ich merke, wenn sie weint.“

Ein scheues Lächeln huscht über das Gesicht des Mädchens, als wollte sie sich selbst Mut machen. Still sitzt sie am großen Besprechungstisch im Büro der Sozialpädagogischen Familienbetreuung (SFB) und malt weiter an

ihrem Bild, das einmal eine glückliche Familie mit Tieren, bunten Blumen und Schmetterlingen werden soll. „Leider ist dieses Bild genau das Gegenteil von dem, wie es der Familie Glasner* derzeit geht“, sagt Liselotte Svoboda, Sozialpädagogin der SFB. Sie betreut die alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern schon über mehrere Jahre. „Der Vater wohnt jetzt nicht mehr bei ihnen, er war oft gewalttätig. Darunter haben alle sehr gelitten. Beide Kinder sind traumatisiert. Beim Buben hat sich sogar eine Angststörung manifestiert – er leidet in der Nacht unter Angst und Panikattacken. Auch Anja leidet – sie wirkt häufig verunsichert, zieht sich zurück und hat kaum Selbstvertrauen. Vieles von dem, was das Mädchen bewegt, zeigt sich in ihren Zeichnungen, die oft sehr verstörend wirken“, erzählt die Betreuerin. „Leo, der Sohn, ist jetzt acht Jahre alt und besucht derzeit eine spezielle Kleinklasse. Diese Volksschulklasse war gar nicht leicht zu finden, da der Bub im Autismus-Spektrum lebt und Probleme mit dem Laufen und der Koordination hat“, so Svoboda.

Mein größter Wunsch war immer, für meine Kinder einmal da sein zu können – anders als es bei mir mit meinen Eltern war.“

Yvonne Glasner, Mutter

Leo betritt mit seiner Mutter das Büro. Ohne Zögern steuert er die Kinderecke an, greift sich Spielzeugautos und Plastiktiere, versinkt sofort ins Spiel. Auf dem Schoß ihrer Mutter nimmt Anja Platz, während Yvonne* Glasner zu erzählen beginnt. „Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Schon als Kind war ich auf mich allein gestellt. Meine Eltern haben sich kaum gekümmert – beide haben oft gestritten und viel getrunken“, spricht sie über ihr eigenes Aufwachsen. „Trotz allem – und darauf bin ich sehr stolz – habe ich eine Lehre zur Schneiderin gemacht. Mein größter Wunsch war immer, für meine Kinder einmal da sein zu können.“ Doch als Alleinerzieherin stehe sie mit ihrem gering entlohnten Halbtagsjob in einer Schneiderei und der Bewältigung ihres Alltags vor großen Hürden. „Das beginnt schon in der Früh. Ich komme immer wieder zu spät zur Arbeit, was mir sehr leidtut“, sagt sie traurig.  Aber meine Kinder besuchen unterschiedliche Schulen“, fährt sie fort. „Leo geht aufgrund seiner Behinderungen in eine spezielle Kleinklasse. Er wird jeden Morgen um sieben Uhr von einem barrierefreien Bus abgeholt.“ Yvonne seufzt. „Wenn dieser Bus auch nur ein oder zwei Minuten zu spät kommt, verpassen wir den Anschlussbus – der mich zur Arbeit und meine Tochter in ihre Schule bringen soll. Und das passiert leider nicht selten.“ Sie blickt kurz zu Anja, die noch immer still auf ihrem Schoß sitzt. „Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen. Für meine Tochter ist das ziemlich anstrengend. Oft kommen wir beide zu spät an unseren Zielorten an.“

Ihre Betreuerin von der SFB greift das Gespräch auf: „Yvonne steht dadurch zunehmend unter Druck, ihre Arbeit zu verlieren – der Arbeitgeber zeigt, trotz unserer Intervention, kaum noch Verständnis. Die finanzielle Situation der Familie ist aufgrund der Teuerungen ohnehin so angespannt, sodass wir sie regelmäßig mit Lebensmittelgutscheinen unterstützen. Hinzu kommt die schwierige Wohnsituation. Die Wohnung ist winzig, Substandard. Die Heizung fällt immer wieder aus, das Bad ist in einem desolaten Zustand, überall zieht es – und der Schimmel lässt sich trotz regelmäßigen Lüftens nicht beseitigen.“ Während des Gesprächs hat Anja ruhig an ihrem Bild gearbeitet. Ohne aufzusehen, murmelt sie: „Deshalb kann mich nie meine Schulfreundin besuchen.“ Svoboda nickt verständnisvoll und ergänzt: „Trotz all der Schwierigkeiten gibt es Hoffnung. Für Yvonne wäre eine professionelle Nähmaschine eine große Erleichterung. Damit könnte sie ein Gewerbe anmelden, von zu Hause aus arbeiten und so mehr Zeit für ihre Kinder haben. Allerdings ist die Anschaffung teuer und für die Familie derzeit nicht zu stemmen.“

Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: „Leo würde beispielsweise dringend eine passende Freizeitassistenz benötigen – idealerweise durch eine Fachkraft mit Erfahrung im Autismusspektrum. Derzeit ist er während der Ferien oft das einzige Kind in der schulischen Tagesbetreuung. Es fehlt ihm an Kontakt zu Gleichaltrigen und an individueller Förderung. Eine männliche Bezugsperson, die mit ihm einfache Bewegungsübungen macht oder vielleicht gemeinsam mit beiden Kindern einen Schwimmkurs besucht, wäre eine große Entlastung. Leo liebt das Wasser.“

Dann fügt sie hinzu: „Zudem ist er auf spezielle Gel-Einlagen angewiesen, um überhaupt besser gehen zu können. Auch diese Kosten werden nicht immer übernommen – was für die Familie Glasner eine zusätzliche finanzielle Herausforderung bedeutet. Hinzu kommen teure Fördermaterialien für daheim und für die Schule, die speziell für Menschen im Autismusspektrum entwickelt wurden und weitere große Ausgaben mit sich bringen.“

Während Frau Svoboda spricht, sitzt Anja in sich gekehrt am Tisch – ganz in ihre Zeichnung vertieft.

Mit einem zufriedenen Blick hält sie das Blatt schließlich hoch. Zu sehen sind sie selbst, ihr Bruder, der eine Katze streichelt, und ihre Mama, die lächelnd vor einer Nähmaschine sitzt. „Ich glaube, dass alles bald gut wird – so wie auf dem Bild“, sagt das kleine Mädchen mit leuchtenden Augen. Dann hält sie kurz inne. „Doch es fehlt noch was.“ Mit einem roten Stift zeichnet sie ein Herz um ihre Familie. „Jetzt ist es fertig!“

Die finanzielle Situation der Familie ist aufgrund der Teuerungen ohnehin so angespannt, dass wir sie regelmäßig mit Lebensmittelgutscheinen unterstützen.“

Liselotte Svoboda, Sozialpädagogin der SFB

Die Sozialpädagogische Familienbetreuung (SFB) ist mit rund 60 Mitarbeiter:innen kärntenweit tätig und begleitet derzeit ca. 250 Familien. Von diesen Familien sind etwa 1/3 armutsgefährdet.

• Die SFB unterstützt Familien in belastenden Lebenssituationen, stärkt ihre Erziehungskompetenz und fördert ihre Selbstständigkeit.

• Die SFB arbeitet eng mit der Kinder- und Jugendhilfe zusammen.

• Die SFB betreut auch alleinerziehende Mütter, die aus verschiedenen Gründen mit dem Alltag überfordert sind. Sie fühlen sich oft alleingelassen und hilflos.