Kunst braucht frische Luft

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01. Dezember 2025
Art Brut*? Outsider Art? Anders Art? Dass sogenannte zeitgenössische Außenseiterkunst keine Etiketten braucht, zeigen die Künstler:innen aus dem Atelier de La Tour. Gemeinsam mit den international bekannten Gugginger Kolleg:innen wurde eine Auswahl ihrer Werke in der Ausstellung ursprünglich_berührend! gugging goes millstART im Stift Millstatt gezeigt.

Kunst braucht frische Luft“, sagt Christoph Eder, der auch an diesem Morgen mit Nordic-Walking-Stecken in der Natur rund um das Atelier de La Tour unterwegs war. Eder ist einer von 16 Künstler:innen, die hier arbeiten. „Am liebsten male ich, wenn ich alleine bin.“ So hat sich Eder seinen Platz etwas abseits vom offenen Atelierraum eingerichtet. Ein paar Schritte weiter trifft man an großen Maltischen seine Künstlerkolleg:innen. Der Geruch von Farbe und Papier lieg in der Luft. Weiches Licht fällt durch die großen Fenster in den Raum.

Jürgen Ceplak schätzt den Ausblick ins Grüne. „Ich beobachte sehr viel und so entsteht ein Thema, das ich dann male“, erzählt er. „Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, sieht mehr, zum Beispiel Dinge, die sich zum Guten verändern.“ Dabei zeigt er auf eines seiner Bilder: „Das sind zwei Frauen umrandet von einem Herzen, die geheiratet haben. Ich finde es wichtig und schön, dass Frauen, wenn sie sich lieben, auch heiraten dürfen. Das ist noch gar nicht so lange möglich.“ Sein Kollege Simon Gailer nimmt auf einem an Pop Art erinnernden Sessel aus Pappmaché Platz: „Das ist unser Prinzenthron.“ Stefanie Bodner ist gerade darin vertieft, winzig kleine Schwäne zu zeichnen. Daneben sitzt Harald Rath vor einem leeren Blatt Papier, ist konzentriert: „Ich denke an Delphine. Oder vielleicht an ganz was anderes.“

„Ganz was anderes“ im Gegensatz zu ihren früheren beruflichen Stationen ist auch für Charlotte Hribernig, Kunstmanagerin des Ateliers, ihre Arbeit hier: „Es ist ein Eintauchen in eine komplett neue Welt, in der ich jeden Tag Neues erfahren darf. Ich empfinde es als Geschenk, diesen direkten Zugang zur Kunst zu erleben. Gerade weil die Künstler:innen eine unmittelbare Herangehensweise an Themen, Sachverhalte und Gefühle haben. Sie bringen es in ihrer künstlerischen Sprache und Ausdrucksweise auf den Punkt.“ Ihr geht es darum, die Kunstwerke in der Öffentlichkeit noch sichtbarer zu machen. „Kunst als Universalsprache ohne Schubladen. Im Vordergrund steht die Qualität des Kunstwerks“, so Hribernig.

Kunst als Universalsprache.

Charlotte Hribernig, Kunstmanagerin Atelier de La Tour

Sie erzählt von den Anfängen des Ateliers, damals noch Kunstwerkstatt de La Tour vor über 40 Jahren, und dem Künstler Willibald Lassenberger, eine Zufallsentdeckung seiner damaligen Assistent:innen, dessen künstlerische Qualitäten bald hohe Anerkennung fanden und bis heute finden. „Unsere Vision ist es, Künstler:innen aus dem Atelier auch weiterhin in bedeutenden Sammlungen unterzubringen sowie in Ausstellungen und Museen zu zeigen.“

„Wann geht es los?“, Christoph Eder schaut auf die Uhr. „Kann man hier eine rauchen?“, fragt Harald Rath, bevor er eine freudige Entdeckung macht: „Schauts einmal her, hier hängen meine Bilder.“ Die beiden Künstler sind gemeinsam mit ihren Kolleg:innen zur Eröffnung der Ausstellung ursprünglich_berührend! gugging goes millstART vom Kunstverein millstART ins Stift Millstatt gefahren. Zu sehen: Eine repräsentative Auswahl an Werken der Gugginger Künstler:innen sowie ihrer internationalen Kolleg:innen und zeitgenössischen Wegbegleiter:innen.

Die visionären Arbeiten der Gugginger Künstler:innen gelten als Klassiker der Art Brut und sind seit den 1970er-Jahren international präsent. Auf Einladung der Kuratorinnen Irina Katnik und Nina Katschnig sind auch Werke von Christoph Eder, Harald Rath und Johann Meduna (†) aus dem Atelier de La Tour Teil der Ausstellung.

Kunst ist mein Beruf. Ich gehe nicht in den Ruhestand.

 

Jürgen Ceplak, Künstler Atelier de La Tour

Katschnig hat im Zuge der Vorbereitung zur Ausstellung auch das Atelier de La Tour in Treffen am Ossiacher See besucht: „Ich mag das kreative Durcheinander dort – und die Momente, in denen Künstler:innen ihre Werke zeigen und erzählen, was sie bewegt. Ein Werk ist für mich untrennbar mit dem Menschen verbunden, der es geschaffen hat: eindrücklich durch seine Unmittelbarkeit – roh, ungefiltert und frei von Kalkül oder Marktlogik.“

Was macht den internationalen Erfolg dieses Art-Brut-Ateliers aus und worin unterscheidet es sich von anderen, ähnlichen Einrichtungen? Katschnig: „Was ich gelernt habe, ist die Bedeutung der Selektion. Dazu gehört, das gesamte Œuvre eines Künstlers anzusehen – und dann zu entscheiden, was ich wo zeige. In New York kann ich ganz andere Arbeiten ausstellen als in Hamburg oder Berlin. Der Ort ist entscheidend, ebenso wie die Offenheit des jeweiligen Publikums. Mein persönlicher Anspruch ist hoch: Wenn ich etwa die Les Demoiselles d’Avignon von Pablo Picasso oder ein anderes Meisterwerk hernehme, muss ich mir genau überlegen, welches Werk z. B. von August Walla oder Oswald Tschirtner würde ich daneben hinhängen.“

Kategorisierungen wie Art Brut, Outsider Art oder Anders Art hält Katschnig für überflüssig – für sie ist es schlicht zeitgenössische Kunst. „Etwas, das in der Ausstellung bei millstART gut sichtbar wird: wie Art Brut in der Welt wirkt – nämlich immer im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst.“

Kunst ist nichts Gefälliges – sie ist das Innerste, das nach außen dringt und bei meinem eigenen Innersten andockt.

Nina Katschnig, Kuratorin & Kunstmanagerin Galerie Gugging

Auch Anette Lang, Obfrau des Kunstvereins millstART, teilt diese Wahrnehmung – und spürt die besondere Wirkkraft der Kunst vor allem bei den Besucher:innen der Ausstellung ursprünglich_berührend! gugging goes millstART: „Der Kunstverein millstART steht für zeitgenössische Kunst in historischen Räumen und in der Nähe von Seen mit niederschwelligem, kostenfreiem Zugang. Art Brut – roh, ursprünglich und unverfälscht – fügt sich da nahtlos ein.

Die Werke dieses Genres sprechen auf direkter emotionaler Ebene an. Sie eröffnen dadurch einen besonders inklusiven, berührenden und oft auch niederschwelligen Zugang zur Kunst“, so Lang. „Was bleibt, ist der Wunsch, dass auch unsere Gäste das Gespürte, Gesehene und Gefühlte in ihren Alltag mitnehmen und für sich Kraft schöpfen können. Für mich kann ich in großer Demut sagen, dass ich mich sehr von den Künstler:innen und ihren Werken beschenkt fühle.“

Was die Ausstellungsbesucher:innen berührt, scheint auch auf die Künstler:innen zurückzuwirken. Harald Rath steht vor seinem eigenen Werk und betrachtet es mit prüfendem Blick. Dann zieht er einen Bleistift und ein Stück Papier aus der Tasche, zögert kurz – und beginnt, was Neues zu skizzieren: „Muss ja nicht immer im Atelier sein, wenns passt, dann passts ...“

 

*Art Brut als Begriff wurde vom französischen Künstler Jean Dubuffet in den 1940er-Jahren geprägt. Er bezeichnet ungeschönte Kunst von Menschen jenseits gesellschaftlicher und künstlerischer Normen.

Bei den Besucher:innen spüren wir: Neugierde, Interesse, Staunen und Berührtsein.

Anette Lang, Obfrau Kunstverein millstART