Kunsttherapie bei ANKYRA: Wo Worte fehlen, fängt die Farbe an
- Story
Es herrscht eine besondere Stille, wenn sieben Kinder aus vier verschiedenen Nationen über ihre Blätter gebeugt sind. Man hört nur das Kratzen von Stiften, das Rühren der Pinsel im Wasserglas und hier und da ein Flüstern. Im Atelier der Kunsttherapeut:innen darf die kleine Gemeinschaft zwischen 11 und 13 Jahren für einen Moment den Alltag hinter sich lassen.
Seit 2004 unterstützt das interkulturelle Psychotherapiezentrum ANKYRA in Innsbruck Menschen, die Gewalt, Krieg, Folter, Vertreibung oder Vergewaltigung überlebt haben. Für Kinder bietet ANKYRA seit 2006 einen geschützten Raum zur emotionalen Entlastung. Gerade sie haben oft noch nicht die Sicherheit gefunden, sich verbal auszudrücken. Hier setzt die professionell begleitete Kunsttherapie an: Sie dient als Brücke zur Innenwelt und stärkt die psychische Widerstandskraft.
Das Atelier wirkt dabei wie ein unsichtbarer Mitspieler. Überall stehen Farbtöpfe, lehnen Leinwände und liegen Fundstücke aus der Natur bereit. Es ist ein Ort, der einlädt, stimuliert und Sicherheit ausstrahlt.
Eine Brücke über das Schweigen
Zu Beginn gibt es einen Moment des Zögerns. Ein paar Kinder wollen die Stifte zuerst nicht anrühren – vielleicht, weil die innere Welt gerade zu schwer ist, um sie nach außen zu tragen. In einer Gruppe, in der Kinder aus der Ukraine neben Kindern aus der Russischen Föderation, aus Syrien und Somalia sitzen, vermutet man zudem Sprachbarrieren oder gar etwaige Spannungen.
Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt keine Grenzen, nur die gemeinsame Neugier auf das Material. Obwohl einige kaum Deutsch sprechen, werden keine Dolmetscher:innen benötigt. Wenn die Worte fehlen, reicht der Pinsel oder ein anerkennendes Nicken beim Anblick eines entstandenen Werkes. Die Kunst wird zu einer gemeinsamen Sprache.
Kunsttherapie hilft gerade Kindern und Jugendlichen, die sich sprachlich noch nicht so gut ausdrücken können, aber auch traumatisierten Menschen, die noch keine Worte für das Erlebte finden. Über das Material können Therapeut:innen leichter in Beziehung zu den Patient:innen treten.
Den eigenen Rhythmus finden
Im Atelier von ANKYRA ist auch ein Junge aus Somalia. Er ist ein Einzelgänger, geprägt durch eine Entwicklungsverzögerung, die ihn oft in seiner eigenen Welt verweilen lässt. Während die anderen in den Austausch gehen, vertieft er sich in die Texturen der Farben. Für die Therapeut:innen ist es berührend zu sehen, wie er über das haptische Erleben – das Fühlen von Sand und dicker Farbe – seinen eigenen Rhythmus findet. Sie lassen ihm Raum, denn hier geht es nicht um Perfektion, sondern um die Aktivierung der eigenen Selbstheilungskräfte.
Kunsttherapie ist immer prozessorientiert, nicht ergebnisorientiert. Nicht der künstlerische, sondern der gestalterische Aspekt steht im Vordergrund. Es geht nicht darum, etwas besonders Schönes zu kreieren, ein ästhetischer Anspruch kann eher ein Hindernis darstellen. Jedes Material hat eine eigene emotionale Wirkung: Ist Wasser im Spiel, kann man mehr „in Fluss kommen", wie zum Beispiel bei Aquarell. Ton hingegen erdet, denn das Material hat eine zentrierende, beruhigende Wirkung. Man kommt im Moment an.
Das Innere nach Außen bringen
In der Kunsttherapie werden Themen immer über das Werk angesprochen. „Wie ist es dir beim Malen ergangen?“, wäre eine mögliche Eingangsfrage. Ein zentraler Aspekt ist es, die inneren Bilder nach Außen zu bringen. Je weiter man in der Biografie zurückgeht, desto näher gelangt man zu den unbewussten Bildern aus einer Zeit, in der man noch nicht sprechen konnte.
Seit seiner Einführung hat sich der kunsttherapeutische Ansatz bei ANKYRA als eine der wertvollsten Säulen der Arbeit erwiesen. Die Therapateut:innen beobachten regelmäßig, wie die Kinder durch das kreative Schaffen an Selbstbewusstsein gewinnen und soziale Ängste abbauen.
Kunst für die Öffentlichkeit
Ein Sprung nach Niederösterreich ins Landesklinikum Mauer. Dort ist noch bis zum 8. November die diesjährige Landesausstellung „Wenn die Welt Kopf steht" zu sehen. Im Mittelpunkt steht der gesellschaftliche Umgang mit psychischen Erkrankungen im Wandel der Zeit. Auch vor Ort: JEFIRA, unser interkulturelles Psychotherapiezentrum in St. Pölten.
JEFIRA hat der Ausstellung nicht nur ein künstlerisches Video und einige Stimmen aus der interkulturellen Psychotherapie, sondern auch ein Bild beigesteuert, das die Traumata durch Krieg und Vertreibung visualisiert. Gemalt hat es eine Patientin. Um dieses Bild herum gruppieren sich andere Objekte, weitere Bilder, aber auch ein Teppich und ein T-Shirt, die sich beide mit dem Schrecken von Krieg und Vertreibung auseinandersetzen.
Die Werke im Landesklinikum Mauer, so vielfältig sie sind, beweisen eines: Kunst – ob innerhalb der Kunsttherapie bei ANKYRA oder als Ergebnis der allgemeinen Psychotherapie bei JEFIRA – macht das sichtbar, was nicht gesagt werden kann. Wo Worte fehlen, fängt die Farbe an.