Wer ist Familie? Und wie viele?

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13. Mai 2026
Anlässlich des Internationalen Tages der Familie am 15. Mai suchen wir Antworten auf diese Fragen, thematisieren die damit verbundenen, gesellschaftlichen Veränderungen und werfen einen Blick auf unsere Einrichtungen: Wie wird dort Familie gelebt?

Vater, Mutter, Kind?

Viele von uns sind noch mit dem traditionellen Familienbild von Vater, Mutter, zwei Kindern aufgewachsen. Doch seither ist gesellschaftlich viel passiert und die Frage: „Was ist Familie?“ lässt sich nicht mehr leicht beantworten. Denn Familie ist mehr ein Grundgefühl als zugewiesene Rollen, die es zu erfüllen gilt. Manchmal sind Eltern ein Vater und sein Freund oder die Großeltern oder nur die Mama - oder der Papa, die Mama, die Stiefmama und die älteren Bonusgeschwister.

Das alles ist Familie.

Die Sehnsucht nach der „heilen Familie“ gibt es nach wie vor, doch die Realität ist eine andere: Wir haben es heute mit Patchworkfamilien, Alleinerzieher*innen, Regenbogenfamilien, Pflegeeltern, offenen Beziehungsmustern, Adoptiveltern, … und vielen anderen Konzepten zu tun, die eine veraltete Familienvorstellung auf den Kopf stellt und uns zum Umdenken zwingt. Das Konzept der Kernfamilie ist nicht mehr ausreichend. Viele Paare mit Kindern trennen sich oder lassen sich scheiden, Tendenz steigend. Gehen wir von der Statistik aus, dann erlebt jedes vierte Kind eine elterliche Trennung vor dem 15. Lebensjahr! Rund 20% der Familien sind Alleinerziehende, wobei ca. 17% alleinerziehende Mütter und 4% alleinerziehende Väter sind.

Es kann mitunter schmerzhaft sein, wenn Kinder in der Gesellschaft, in der Schule, im Kindergarten, … mit einem Familienideal konfrontiert werden. Obwohl es veraltet ist.  Uns als Gesellschaft wird nun die Aufgabe zuteil, den Familienbegriff zu erweitern, zu ergänzen und zu transformieren. 

Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen!

„Und wer gehört zu Deinem Dorf?“, werden die Kinder in den Einrichtungen der Diakonie Bildung immer öfter gefragt.  Denn statt dem typischen Mutter- oder Vatertag wird schon vielfach ein Familientag gefeiert und jedes Kind darf selbst entscheiden, wer an diesem Tag in den Kindergarten mitkommt: Oma, Opa, Tante, … wen auch immer das Kind als Familie betrachtet.

Bettina Gwihs, mobile Entwicklungsberaterin bei der Diakonie Bildung, erzählt: „In unseren Kindergärten wollen wir eine Atmosphäre schaffen, bei der sich alle Kinder abgeholt und gesehen fühlen, auch wenn sie nicht in einem klassischen Familiengefüge leben. Es soll bei den Kindern kein Defizit-Gedanke entstehen, nur weil ihre Familie nicht dem Idealbild entspricht, das sowieso nicht der Realität entspricht.“ Die Lebensrealitäten der Kinder sind andere: Die Eltern trennen sich und die Kinder haben plötzlich keinen Kontakt mehr zu den anderen Großeltern oder die Stiefgeschwister sind da und dann wieder nicht mehr oder ein Elternteil verlässt die Familie und gründet eine Neue. Auch so können Familien manchmal aussehen.

Wir vermitteln den Kindern: Die Personen, die dich unterstützen und für dich da sind, sind dein Dorf und deine Familie. Dort wo du dich sicher fühlst, gesehen und wertgeschätzt.

Bettina Gwihs, mobile Entwicklungsberaterin der Diakonie

Der Begriff „Familie“ muss auf jeden Fall weiter gesteckt werden, als noch vor 20 Jahren. Denn jede Person bringt ihr eigenes Familienbild mit. „Wir in den Kindergärten vermitteln, dass wir offen für jedes Familienmodell sind, damit sich niemand als Außenseiter*in fühlen muss“, berichtet die Entwicklungsberaterin. Deshalb gibt es auch immer wieder Reflexionsrunden unter den Pädagoginnen: „Wie stehe ich zu dem Thema, wie steht das Team dazu, wie ist die Haltung der Träger und wie wollen wir dieses Thema bei uns im Haus leben?“

Jedes Kind hat ein Recht auf Familie

Familie steht für Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit und ist ein Grundbedürfnis. Das Recht auf Familie ist sogar ein fundamentales Kinderrecht, das in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 verankert ist.  Angela Pfaffeneder ist Kinderschutz-Beauftragte der Diakonie Bildung und hat dadurch viel Einblick in Familien: „Im Laufe der Zeit gibt es immer wieder Umbrüche in einem Familienleben. Übersiedlungen, Trennungen, Todesfälle, Patchwork-Konstellationen, …. Doch es ist wichtig den Kindern zu vermitteln: „Familie darf sich ändern. Doch Eltern bleiben Eltern und Kinder bleiben Kinder. Besonders Familien, die Schlimmes durchgemacht haben, getrennte Familien oder geflüchtete Familien sollten wissen: Es ist nie zu spät, neu anzufangen!“

Familie ist eine Gesellschaft im Kleinen, die kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie ist die Basis für Entwicklung und Lebensqualität und muss im Großen und Ganzen vier Aufgaben erfüllen:    

  • Orientierung/Kontrolle: Alles was Sicherheit, Halt und Grenzen gibt.
  • Sicherheit/Schutz: Die Bedürfnisse der Kinder müssen gesehen und wahrgenommen werden, so dass sie Geborgenheit erfahren.
  • Bindung/Liebe/Resonanz: Kinder sollen sich sicher gebunden fühlen und die Bezugspersonen als verlässlich und vertrauensvoll wahrnehmen. 
  • Selbstwirksamkeit/Freiräume: ein Kind, das sich geliebt fühlt, wird Herausforderungen besser meistern, resilienter und gewinnt an Selbstvertrauen. 

Angela Pfaffeneder glaubt, dass Eltern ihre Kinder immer bedingungslos lieben. Sie haben eine intuitive Elternkompetenz und können es schaffen, dass ihre Kinder gut aufwachsen.

Stärkung von Eltern

Auch für Sesam („Schule, Eltern und Sozialraum arbeiten Miteinander“) ist es ein zentrales Anliegen, Familien zu stärken. 

Heike Summerer, die Einrichtungsleiterin von Sesam, erzählt: „Wir haben im Projekt die Erfahrung gemacht, dass es den meisten Eltern ein Anliegen ist, ihre Kinder bestmöglich zu unterstützen, aber viele wissen nicht genau, wie sie das bewerkstelligen können- und hier hilft SESAM durch niederschwellige Beratung und Tipps bei pädagogischen oder schulrelevanten Fragen. Besonders der Medienkonsum der Kinder stellt viele Familien vor besondere Herausforderungen, darum ist der "Medien- Workshop" der am häufigsten angefragte Workshop von Schulen und Kindergärten. Besonders die Mehrsprachigkeit unserer Angebote ermöglicht es auch jenen Eltern am Projekt teilzunehmen, die von herkömmlichen Angeboten oftmals schwer erreicht werden.“

Ersatzfamilie KARIBU?

Viele der jungen Erwachsenen, die bei KARIBU wohnen und beraten werden, leben ohne ihre Familien in Österreich. Gerade in dieser wichtigen Lebensphase sind stabile Bezugspersonen, Zugehörigkeit und Unterstützung im Alltag besonders wichtig. KARIBU übernimmt dabei oft eine Art Ersatzfamilienfunktion: Die Jugendlichen erleben verlässliche Beziehungen, Austausch, Unterstützung bei Herausforderungen sowie Orientierung im Alltag und im sozialen Miteinander. Für viele ist KARIBU wie Familie. Sie werden als ganze Person wahrgenommen, können über Sorgen, Beziehungen, Arbeit oder Ausbildung sprechen, erhalten Anerkennung für ihre Erfolge und Begleitung bei Herausforderungen. Gemeinsame Feiern und das Nachholen positiver Kindheitserfahrungen stärken zusätzlich das Gefühl von Zugehörigkeit.

Es gibt zahlreiche Definitionen von Familie. Jedoch dieser Satz aus einem Bilderbuch fasst es wunderschön zusammen: „Familie ist, wenn man sich lieb hat!“
(aus dem Kinderbuch: „Das alles ist Familie!“)