Frauenpower und Selbstwirksamkeit fördern

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06. März 2026
Mit dem Frauencafé und MIRA gibt es in der Frauenberatungsstelle der Diakonie in Wien zwei Formate, die Frauenpower und Selbstwirksamkeit fördern. Gemeinsam Deutsch sprechen, Ausflüge organisieren oder über Job und Kinderthemen diskutieren - hier können Frauen durch den Halt der Gruppe miteinander und voneinander lernen und sich selbst stärken.

Donnerstagvormittag in der Frauen*beratungsstelle des Diakonie Flüchtlingsdienstes: Rund zehn Frauen sitzen im Kreis, sprechen, lachen und suchen nach den richtigen deutschen Worten. Einige sind erst seit kurzem in Österreich, andere schon länger. Was sie verbindet, ist das Frauencafé – ein Ort für Begegnung, Austausch und gegenseitige Unterstützung.

Einmal pro Woche, immer donnerstags von 10:00 bis 12:00 Uhr, treffen sich Frauen hier, um miteinander ins Gespräch zu kommen, Deutsch zu üben und neue Kontakte zu knüpfen. Aber auch, um die Stadt und ihre Möglichkeiten besser zu verstehen, Infos zum Schulsystem und zum Arbeitsmarkt zu erfahren – oder einfach nur, um mal in Gemeinschaft zu sein und UNO zu spielen. Das Angebot ist kostenlos und ohne Anmeldung zugänglich. Je nach personeller Kapazität, gibt es im Nebenraum auch eine Kinderbetreuung, damit sich die Teilnehmerinnen ganz sich selbst und ihren Themen widmen können.

Gemeinsam Deutsch lernen

Heute ist Anna Smolzer, Bildungsreferentin vom ASH-Forum, zu Gast. Sie spricht langsam und deutlich, stellt Fragen und versucht Gemeinsamkeiten zu finden. Die Deutschkenntnisse in der Runde sind allerdings unterschiedlich: Einige haben bereits einen A1-Kurs besucht, nur eine Teilnehmerin spricht auf B1-Niveau. Anna erzählt von den verschiedenen Deutsch-Lernangeboten und dem (Frauenlernraum), den sie regelmäßig im Albert Schweizer Haus anbietet.

Viele Frauen würden gern intensiver Deutsch lernen, erzählen sie. Doch Arbeit, Haushalt und Kinder lassen oft wenig Zeit für Kurse. Deshalb greifen einige auf Apps, YouTube oder ChatGPT zurück. Eine Teilnehmerin aus dem Senegal erzählt: „Meine Zwillinge sind neun Jahre alt und können schon besser Deutsch als ich. Wenn ich etwas nicht verstehe, helfen sie mir.“

Jobsuche

Auch das Thema Arbeit kommt schnell zur Sprache. Eine dreifache Mutter aus Afghanistan berichtet, dass sie wegen gesundheitlicher Probleme ihre Arbeit im Hotel aufgeben musste und nun nach einer neuen Stelle sucht. „Vielleicht bei McDonalds?“, schlägt jemand aus der Runde vor. „Ich arbeite auch dort, sie suchen noch Leute!“ Gemeinsam wird besprochen, wie ein Lebenslauf aufgebaut sein sollte und welche Informationen wichtig sind – etwa Sprachkenntnisse oder bisherige Arbeitserfahrung. Schnell wird klar: Ohne Kinderbetreuung ist es für viele Frauen schwierig, überhaupt arbeiten zu können.

Mit der Zeit werden die Gespräche persönlicher. Die Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, von Herausforderungen im Alltag und auch von Einsamkeit. „Arbeiten ist gut“, sagt eine Teilnehmerin. „Dann hat man keine Zeit, sich einsam zu fühlen. Dort, wo ich wohne, sind wenig Leute auf der Straße, mit denen ich ins Gespräch kommen kann. Das ist in meiner Heimat ganz anders.“

Organisiert wird das Frauencafé von Magdalena Lentsch, Josi Nyampundu und Merle Zahlingen-Al Maleki. Sie planen die Inhalte und laden regelmäßig Expertinnen oder sogenannte Peers(*) ein. Die Themen reichen von Gesundheit und Frauenrechten über Bildung bis hin zum Arbeitsmarkt. Dazwischen gibt es immer wieder gemeinsame Aktivitäten, die den Austausch erleichtern. Besonders hilfreich sind die Workshops mit konkreten Inhalten und Tipps, wie etwa:

  • Energiebildung: Wir lernen unsere Stromrechnungen lesen, Energiespar-Tipps und wieviel Strom unsere elektrischen Geräte verbrauchen.
  •  Orientierungstreff für Wien: Wie verwende ich Google-Maps, wenn ich nicht alphabetisiert bin?
  • Infos zu chronischen Krankheiten und wo ich Unterstützung bekomme?

Das Frauencafé ist damit mehr als nur ein Treffpunkt: Es ist ein Ort, an dem Frauen voneinander lernen, Informationen bekommen – und für ein paar Stunden Gemeinschaft erleben.

Das Frauencafé ist eine schöne Ergänzung zu den Beratungen, weil es ein sozialer Raum ist, der frei und nicht so durchgetaktet ist. Fernab von Anträgen kann etwas entstehen, Frauen erleben sich dabei als Erfahrungsexpertinnen und sehen sich als selbstwirksam.

Magdalena Lentsch, Co-Leiterin des Frauencafés

MIRA: Frauen im Mittelpunkt

Eine Tür weiter findet das Projekt MIRA statt. Die Frauen, die hierherkommen, haben die meisten dieser Themen noch vor sich. Denn MIRA richtet sich an junge Frauen unter 27, bei denen es in erster Linie um Schwangerschaft, Geburt und das Frausein geht. An zehn Terminen dürfen sich die Frauen mal selbst in den Mittelpunkt stellen: ihre psychosoziale Gesundheit, ihr Körper, Gemeinschaftsgefühl, ein Austausch in einer vertrauensvollen Umgebung über persönliche, intime Themen, Stärkung des Selbstwertes sowie Frauen-Empowerment.

Alexandra Csar, die das Projekt MIRA leitet, weiß, dass einige der Frauen in arrangierten Ehen leben und von ihrem Mann nach Österreich geholt wurden, manche haben auch Gewalterfahrung gemacht: „Es ist uns wichtig, den Frauen das Gefühl zu geben, dass sie hier sicher sind und sie sich uns anvertrauen können. Es ist ein Safe-Space!“ Und Alexandra gibt einen sicheren Rahmen. Sie hat viel Erfahrung mit Frauengruppen und Empowerment. Hier darf alles sein, jede Frage ist erlaubt, jedes Gefühl darf entstehen.

Hebammensprechstunde

Deshalb kommen die Frauen sichtlich gerne her. Voller Vorfreude und etwas aufgeregt betreten sie den Raum und nehmen am Teppich Platz, der schon einladend gedeckt ist mit Knabbereien, Blumen, Büchern, schönen Sprüchen sowie speziellen Tools, die helfen über schambehaftete Themen ins Gespräch zu kommen. Auch eine Hebamme ist anwesend, sie wurde extra von Alexandra eingeladen, damit die Frauen all ihre Fragen zum Thema Schwangerschaft und Geburt stellen können.

Wissen über den eigenen Körper

Vor kurzem hat Alexandra eine Ausbildung als Sexualpädagogin abgeschlossen. Dies kommt auch den Frauen hier zugute, denn Tabus soll es bei MIRA keine geben – das ist der Leiterin wichtig. Sie hat auch Beckenbodenkugeln, Gleitgel und Kondome mitgebracht sowie eine Vagina und einen Penis aus Plüsch, die als Anschauungsobjekte dienen. Für Alexandra ist es wichtig, dass die jungen Frauen auch die deutschen Begriffe ihres Körpers kennen und ihre Geschlechtsteile genau benennen können, wenn sie zum Arzt gehen. Es wird über Beschneidung gesprochen, frühzeitige Wehen, Verdauungsprobleme, Still-BHs und vieles mehr.

Selfcare & Empowerment

Die Stimmung ist gut, es wird Kaffee und Tee serviert, es wird gelacht, gekichert, aber es werden auch viele Fragen gestellt zu belastenden Themen. Alexandra erklärt den Frauen unter anderem, wie sie sich im Alltag abgrenzen können, wenn sie sich bedrängt fühlen. Mit einer einfachen Schnur demonstriert sie die eigene Schutzzone. Damit der Nachmittag auch eine Wohlfühlzeit ist, hat Alexandra duftende Lotionen und Beautyprodukte mitgebracht - um Selfcare und Frausein in den Fokus zu rücken. Am Ende des Nachmittags zieht jede Frau eine Mutmach-Karte und liest den Text vor. „Ich bin super!“, sagt eine junge Frau in die Runde. Auch wenn sie nicht Deutsch spricht, weiß sie genau, was diese Sätze bedeuten. „Ich kenne meine Stärken!“, „Ich weiß, wie ich mir helfen kann!“ „Ich bin eine liebevolle und fürsorgliche Mutter!“ „Ich kann ganz viel erreichen, wenn ich das will!“…so geht es reihum weiter. Die Sätze hallen noch lange in den Köpfen der Frauen nach und mit jedem MIRA-Treffen werden sie eine Spur lauter und selbstbewusster ausgesprochen: „Ich bin super!“ 

* Peers in der Sozialen Arbeit sind Menschen mit vergleichbaren Lebenslagen, Erfahrungen (z. B. Obdachlosigkeit, Flucht, Krankheit) oder Merkmalen (Alter, Herkunft), die als „Experten aus Erfahrung“ andere Betroffene unterstützen. Die Peers wurden von der Frauenberatungsstelle zu den Themen Gewaltschutz, Frauenrechte, Selbstfürsorge ausgebildet. Dazu gab es das Peer-Projekt Tamasuk und aktuell das Peer-Projekt Raya. 

Frauen*beratung Wien Frauenberatung / Sozialberatung
Wien