Marion ist Autistin. Wie sie lebt, arbeitet und wie sie dabei von der Diakonie begleitet wird.
- Story
Wenn Marion Schuller am Nachmittag von der Werkstätte Wartberg nach Hause kommt, ist ihr alles vertraut. In der Wohnung der Diakonie in Gallneukirchen wartet ihre Betreuerin Linda Bayrhammer oft schon mit Kaffee und Keksen. Feste Abläufe, wiederkehrende Aufgaben und verlässliche Beziehungen geben Marion Sicherheit. Seit 40 Jahren lebt sie in einer Einrichtung der Diakonie.
Marion Schuller und Linda Bayrhammer sind ein eingespieltes Team. Auch wenn Marion nicht spricht, gelingt die Verständigung zwischen den beiden auf eine sehr klare und ruhige Weise. Vieles entsteht aus genauem Wahrnehmen, aus Gewohnheit, Beziehung und gegenseitigem Verstehen.
Im Alltag in der intensivbetreuten Wohnung übernimmt Marion fixe Aufgaben. Sie räumt den Geschirrspüler aus, füllt Taschentücher nach, ordnet Geschirrtücher und hilft dabei, die Wohnung in Ordnung zu halten. Was von außen unscheinbar wirken mag, ist für sie Teil eines vertrauten Rahmens, der Orientierung gibt.
Marion lebt und arbeitet seit 40 Jahren in der Diakonie
Im Alter von zehn Jahren kam Marion Schuller in die Wohneinrichtung Mühle der Diakonie in Gallneukirchen und besuchte dort die Schule. Später sammelte sie Erfahrungen in verschiedenen Werkstätten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Seit 2002 arbeitet sie in der Werkstätte Wartberg im Bereich Industriearbeiten und wirkt dort an Auftragsarbeiten für Firmen mit.
Auch im Arbeitsalltag spielen Struktur und Verlässlichkeit eine wichtige Rolle.
Auch im Arbeitsalltag spielen Struktur und Verlässlichkeit eine wichtige Rolle. Marions Arbeitstag beginnt täglich um 8.30 Uhr. Begleitet wird sie dort von Waltraud Schwaiger. „Aufgrund ihres Autismus sind Rituale am Arbeitsplatz für Marion sehr wichtig“, sagt sie. Gleich nach dem Ankommen wird gemeinsam der Tagesablauf besprochen. Unterstützt wird das durch ein iPad mit Symbolen aus der Unterstützten Kommunikation. Damit kann Marion Wünsche äußern, Fragen stellen und ihren Tag besser überblicken.
Zu Marions Lieblingsarbeiten zählt das Sticken. Mit großer Konzentration fertigt sie Billets mit verschiedenen Motiven für unterschiedliche Anlässe an. Sie arbeitet dabei sehr genau und mit viel Ausdauer.
Unterstützte Kommunikation hilft, dass Marion ihre Wünsche äußern kann
Die Unterstützte Kommunikation hat für Marions Alltag große Bedeutung. Sie erleichtert Verständigung und schafft Orientierung. Auch ihr Arbeitsplatz wurde an ihre Bedürfnisse angepasst.
In der Werkstätte steht ihr ein geschützter Bereich zur Verfügung, von dem aus sie die Gruppe gut überblicken und sich bei Bedarf zurückziehen kann. Gleichzeitig nimmt sie sehr genau wahr, was um sie herum passiert. Wenn Kolleginnen und Kollegen neue Arbeit brauchen, merkt sie das oft sofort und sorgt für Nachschub. „Mit Marion sind wir gut umsorgt“, sagt Waltraud Schwaiger mit einem Lächeln.
Die Jause nimmt Marion gerne gemeinsam mit den anderen ein. Auch das Zusammensein in der Gruppe gehört für sie selbstverständlich zum Alltag.
Marion konnte ihr Verhalten gut entwickeln. Mit Begleitung kann sie heute sogar im Supermarkt einkaufen gehen.
Wie sehr sich Marion im Lauf der Jahre entwickelt hat, zeigt sich besonders im Rückblick. Linda Bayrhammer erzählt, dass Marions Alltag früher von vielen Zwängen und Ticks geprägt war. Manche davon waren so ausgeprägt, dass sie sogar lebensbedrohlich wurden. Vor rund 15 Jahren begann das Team daher intensiver mit Unterstützter Kommunikation zu arbeiten und neue Wege im Alltag zu erproben.
Vieles wurde schrittweise ausprobiert, angepasst und weiterentwickelt. Mit der Zeit zeigte sich, dass sich Marion deutlich entspannte und neue Situationen besser bewältigen konnte. Verhaltensweisen, die früher sehr belastend waren, wurden im Alltag handhabbarer. Auch Einkäufe im Supermarkt oder Besuche im Gasthaus, die lange kaum möglich waren, gelingen heute in Begleitung deutlich entspannter.
Intensive Betreuung hat die Entwicklungen möglich gemacht
Für das Team war dabei besonders bemerkenswert, dass auch im Erwachsenenalter noch so deutliche Entwicklungsschritte möglich waren. Entscheidend dafür waren mehrere Faktoren: die intensivbetreute Wohnung in einem kleineren Rahmen, ein gut strukturierter Tagesablauf und ein stabiles Team. Gerade für Menschen mit Autismus sind Kontinuität und verlässliche Beziehungen von großer Bedeutung.
Auch für Linda Bayrhammer selbst ist diese Kontinuität ein wichtiger Teil der Arbeit. „Ich arbeite nun schon sehr lange in dieser Wohnung und habe kein Bedürfnis zu wechseln. Es ist ein schönes Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen, die man gut kennt und auf die man sich verlassen kann“, sagt sie.
Marions Weg zeigt, wie viel passende Begleitung bewirken kann. Nicht durch große Veränderungen auf einmal, sondern durch Verlässlichkeit, genaues Hinschauen und Unterstützung, die zum Menschen passt.
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