Kindergesundheit ohne e-Card: Wie AmberMed in Wien unversicherten Kindern hilft
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Stell dir vor, du bist nach Österreich gekommen um Arbeit zu finden, landest als Haushälterin bei einer Familie, die dich undokumentiert beschäftigt. Du hast selbst zwei Kinder, suchst einen Kindergartenplatz, wirst abgelehnt, weil du keine Erwerbstätigkeit nachweisen kannst und deine Kinder werden krank, wie viele andere auch im Winter. Doch mit dem Unterschied: du kannst nicht mit ihnen zum Arzt gehen, denn du hast keinen Anspruch auf eine kostenlose medizinische Versorgung. Eine Situation, die lebensbedrohend werden kann.
AmberMed: Ärztliche Hilfe ohne Krankenversicherung
Deshalb bietet AmberMed kostenlos und niederschwellig medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung.
Besonders betroffen sind Kinder: Haben Eltern keinen Versicherungsschutz, erhalten auch ihre Kinder keine medizinische Versorgung – außer privat, was sich die meisten nicht leisten können. Fehlende Untersuchungen, Impfungen oder Vorsorge ab der Geburt können gravierende Folgen für die Gesundheit haben.
„Kindergesundheit geht vor!“
„Kindergesundheit geht vor!“ sagt AmberMed-Einrichtungsleiterin Mariella Jordanova-Hudetz. Die Nachfrage nach der wöchentlichen Kindersprechstunde ist groß. Aktuell arbeitet AmberMed sogar an einer Erweiterung des Angebots. Möglich ist das dank engagierter ehrenamtlicher Ärzt:innen.
Aktuell findet die Kindersprechstunde montags statt. Häufig kommen Familien, wenn Schulen oder Kindergärten eine Bestätigung verlangen, dass die Kinder bei AmberMed medizinisch versorgt werden. Dennoch dürfen sie an Ausflügen nicht teilnehmen, weil die Bestätigung keine e-Card ersetzen kann. Leider vermindert eine fehlende Krankenversicherung auch häufig die Chancen, überhaupt einen Kindergartenplatz zu bekommen. Selbst wenn es per Gesetz kein offizielles Ausschlusskriterium ist, zeigt die Praxis oft was anderes.
Wie AmberMed hilft
Frau Dr. Andree Wilhelm-Mitteräcker ist Allgemeinmedizinerin und freiwillige Ärztin bei AmberMed. Zu ihren Aufgaben zählen:
- die Kontrolle von Ernährungs- und Zahnstatus
- die Abklärung von Hautproblemen und chronischen Erkrankungen,
- Impfberatung
- das Beobachten der Eltern-Kind-Interaktion.
- Auch mögliche Gewaltanzeichen werden gescannt.
Bei Bedarf verschreibt sie Antibiotika, die gerne angenommen werden. Denn Kranksein oder Pflegeurlaub für Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen ist ein Luxus und der Jobverlust droht.
Zusammenarbeit mit anderen Stellen
Häufige Krankheitsbilder sind Fieber, Virusinfekte, Magen-Darm-Erkrankungen, Scabies oder auch Würmer. Die Ärztin prüft auch, ob grundlegende Hygienemöglichkeiten wie eine Waschmaschine vorhanden sind. Augen- und Hörprobleme sowie psychische Erkrankungen müssen extern weiterbehandelt werden.
Die Sozialarbeiter:innen bei AmberMed helfen den Familien bei der Organisation von Terminen bei Fachärzten und beim Finden finanzieller Unterstützung. Das Problem der Nichtversicherung ist ja hier besonders groß. - Aber mit Beharrlichkeit und viel Engagement kann fast immer eine Lösung gefunden werden.
Ein weiteres großes Problem stellen Unfälle dar: So wurde kürzlich ein Kind mit Verdacht auf Knochenbruch aus einem Wiener Krankenhaus abgewiesen, weil die Familie die Kosten für ein Röntgenbild nicht zahlen konnte.
AmberMed hilft auch bei Schwangerschaft und Geburt
Auch Geburten sind ohne Versicherung extrem teuer. A., Vater aus Albanien, der hier seit Jahren lebt und arbeitet (ohne Papiere) konnte dank AmberMed und der Stadt Wien eine sogenannte "Sozialgeburt" für sein zweites Kind bekommen. Statt rund 8.000 Euro zahlte die Familie 800 Euro für Entbindung, Vor- und Nachsorge. Seine beiden Kinder und seine Frau werden weiterhin bei AmberMed betreut. Gerade gestern war die Familie hier impfen. „Ich habe AmberMed so viel zu verdanken!“, freut sich der zweifache Vater.
Zuhören und Beratung gegen Angst und Unsicherheit
Sozialarbeiterin Doroteya Doncheva-Shtereva spricht bei Nicht-Versicherung von einer „Kettenproblematik“: Eine Krankenversicherung ist immer an einen aufrechten Aufenthaltstitel gebunden. Daran hängen wiederum Arbeit, Sozialleistungen und Kindergartenplatz. Die Sozialarbeiterin führt behutsame Clearinggespräche, da viele Patient:innen aus Angst vor Behörden große Unsicherheit verspüren und "verschwinden". Doroteya erzählt: „Für mich ist es ein Privileg hier zu arbeiten. Ich habe bei AmberMed das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können.“
AmberMed ist eine sozialmedizinische Einrichtung, die Menschen ohne Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung medizinsche und soziale Hilfe anbietet. In Österreich sind in etwa 30.000 Menschen nicht versichert, davon sind ca. 3.000 Kinder.
AmberMed ist eine Kooperation zwischen dem Diakonie Flüchtlingsdienst und dem Roten Kreuz.