Besonders von Armut gefährdet sind Kinder, Frauen im Alter, Alleinerzieher:innen und Langzeitarbeitslose. Mit großen Problemen sind Menschen mit chronischer Erkrankung konfrontiert. Und die hohen Wohnkosten bringen viele an den Rand.

Eine „beengte“ Welt: Armut als Mangel an Möglichkeiten

Wir alle wünschen uns ausreichende Handlungsspielräume – damit wir aus unterschiedlichen Möglichkeiten selbstbestimmt auswählen können. Nur wenn wir diese Spielräume haben, können wir uns die Freiheit nehmen, zu verzichten.  

Armut ist keine Frage des Verzichts. Armut ist ein von außen aufgezwungener Mangel. Sie bewirkt eine Einengung bis hin zu dramatischen Situationen, wo es keinen Handlungsspielraum mehr gibt, keine Entscheidungen mehr möglich sind. Wo man aussichtslos in der Not gefangen ist. Die Betroffenen können die Wohnung nicht angemessen warm halten, geschweige denn unerwartete Ausgaben tätigen. Außerdem sind arme Menschen häufiger krank und müssen oft in überbelegten, feuchten, schimmligen Wohnungen leben. Armut macht einsam und nimmt Zukunft. 

Viele, die arm sind, schämen sich. Sie ziehen sich zurück. Darum macht Armut einsam. Von Armut betroffene Menschen leben in einer „beengten Welt“, sie ringen um den Gestaltungsraum, den sie zum Überleben brauchen.

Wie viele Menschen leben in Armut?

Die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle (60 Prozent des Median-Einkommens) beträgt € 1.328,- monatlich für einen Einpersonenhaushalt. Der Wert erhöht sich um den Faktor 0,5 pro weitere erwachsene Person im Haushalt und um den Faktor 0,3 pro Kind (unter 14 Jahre) im Haushalt. Wer darunter liegt, ist „einkommensarm“. 

  • 17,5 Prozent der Bevölkerung (1.529.000 Menschen) sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, d.h. das Einkommen liegt unter der Armutsschwelle oder die Personen sind erheblich materiell depriviert oder leben in Haushalten mit keiner/sehr geringer Erwerbsintensität.
  • 13,9 Prozent der Bevölkerung (1.222.000 Menschen) sind armutsgefährdet, d.h. haben ein Einkommen unter der Armutsschwelle.
  • 2,7 Prozent der Bevölkerung (233.000 Menschen) sind „erheblich materiell depriviert“, darunter fallen Haushalte, die so ein geringes Einkommen haben, dass wesentliche Güter/Lebensbereiche nicht leistbar sind – z.B. Waschmaschine, Handy, Wohnung angemessen warm zu halten, ein Mal im Jahr auf Urlaub zu fahren, unerwartete Ausgaben bis zu € 1.160,- etc.

Die Frage nach der materiellen Deprivation bemisst einen Mindestlebensstandard. Der Begriff kommt von lateinisch deprivare (lat.) für „berauben“ und bezeichnet allgemein den Zustand der Entbehrung, des Entzuges, des Verlustes oder der Isolation von etwas.

Effektive Hilfen braucht es bei Kinderarmut, älteren Arbeitslosen, Altersarmut und chronischen Erkrankungen. Denn besonders von Armut gefährdet sind Kinder, Frauen im Alter, Alleinerzieherinnen und Langzeitarbeitslose. Mit großen Problemen sind Menschen mit chronischer Erkrankung konfrontiert. Außerdem bringen hohe Wohnkosten viele an den Rand.

Martin Schenk, Diakonie-Sozialexperte

303.000 Personen aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten sind Kinder, in Ein-Eltern-Haushalten Lebende sind zu 46 Prozent armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, Familien mit mindestens drei Kindern zu 25 Prozent. Unter den Pensionsbeziehenden sind alleinlebende Frauen mit 29 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich betroffen.

Quelle: Statistik Austria 2021

Menschen, die dauerhaft unter der Armutsgrenze leben müssen, haben einen viermal schlechteren Gesundheitszustand als der Rest der Bevölkerung. Die Folgen chronischen Stresses mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, geschwächtem Immunsystem und Erschöpfungszuständen treten bei ihnen häufiger auf als bei Vergleichsgruppen mit mittlerem und höherem Einkommen.

Quelle: Statistik Austria, EU SILC 2018

Kinder aus armen Familien können es sich nicht leisten, ihren Freund:innen ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. 81.000 Kinder können an keinen Freizeitaktivitäten teilnehmen, die Kosten verursachen, 27.000 Kinder können keine Freunde zum Spielen und Essen nach Hause einladen, 20.000 bei kostenpflichtigen Schulaktivitäten nicht mitmachen.

Quelle: Statistik Austria, EU SILC 2018

In jedem Land hat der soziale Hintergrund eine Auswirkung auf den Bildungserfolg. In Österreich ist dieser Anteil aber besonders hoch. 16 Prozent der Leistungsunterschiede sind ausschließlich durch soziale Benachteiligung bestimmt.  

Quelle: OECD

Tipp: Bildungsbegleitung –  wir machen uns gemeinsam für eine gute Schule stark! Die Diakonie hilft, miteinander Herausforderungen im Schulalltag zu bewältigen.

Existenzsichernde Löhne und Arbeitslosengelder sind ein wesentlicher Beitrag zur Armutsvermeidung. 289.000 Menschen leben in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht reicht, um die eigene Existenz – und die der Kinder – zu sichern. 146.000 dieser „Working Poor“ sind Haushalte mit Kindern. 

Quelle: Statistik Austria, EU SILC 2020

Billig einkaufen müssen heißt teuer bezahlen – mit geringer Haltedauer und hohen Stromkosten. Billige Elektrogeräte beispielsweise haben oft eine geringe Haltedauer und verursachen hohe Stromkosten.

191.000 armutsgefährdete Personen müssen in feuchten, schimmligen Wohnungen leben, 229.000 in überbelegten Räumen und 88.000 in dunklen Zimmern. 140.000 Menschen können im Winter die Wohnung nicht angemessen warm halten. 

Quelle: Statistik Austria, EU SILC 2018

22.741 Menschen waren 2018 in Österreich laut verfügbaren Daten der Statistik Austria als obdach- oder wohnungslos registriert. In dieser extremen Form „sieht“ man die Armut auch. Als obdachlos bezeichnet man Menschen, die im öffentlichen Raum leben, etwa auf der Straße oder unter Brücken, sowie Menschen, die in Notschlafstellen oder Wärmestuben schlafen. Als wohnungslos gilt, wer etwa in Übergangswohnheimen oder zeitlich befristeten Unterkünften lebt.

Starke Sozialstaaten reduzieren Abstiegsgefahr und schützen die Mitte vor Armut.

Sozialleistungen tragen entscheidend zum sozialen Ausgleich bei und wirken armutspräventiv. Sie reduzieren die Armutsgefährdung von 45 auf 13 Prozent. Am stärksten wirken

  • Arbeitslosengeld,
  • Notstands- und Mindestsicherung
  • sowie Wohnbeihilfe und
  • Pflegegeld.  

Sie schützen und stützen die Bevölkerung. Da sind gerade auch jene Leistungen wie die Mindestsicherung dabei, die in eine gekürzte Sozialhilfe umgewandelt wurde.  Und: Während die Lohneinkommen und die Vermögen auseinandergehen, bleiben die Haushaltseinkommen in Österreich relativ stabil. Die soziale Schere geht auf, der Sozialstaat gleicht aus.

Ein Mitarbeiter im 's Häferl der Diakonie überreicht einem Gast draußen eine warme Suppe
Eine warme Mahlzeit für jeden. / © Lukas Plank

Österreich armutssicher machen

Eine gute Mindestsicherung hilft uns allen, in einem sozialen und sicheren Land zu leben. Sie sollte ein Mindestmaß an Selbstbestimmung sichern und helfen, Not abzuwenden – nicht das Leben noch schwerer machen.

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