Armut in Österreich: Wer von Armut betroffen ist, wie sich Armut auswirkt und was jetzt gegen Armut getan werden muss. Zahlen, Fakten und Forderungen.

Eine „beengte“ Welt: Armut als Mangel an Möglichkeiten

Wir alle wünschen uns ausreichende Handlungsspielräume – damit wir aus unterschiedlichen Möglichkeiten selbstbestimmt auswählen können. Nur wenn wir diese Spielräume haben, können wir uns die Freiheit nehmen, zu verzichten.  

Armut ist keine Frage des Verzichts. Armut ist ein von außen aufgezwungener Mangel. Sie bewirkt eine Einengung bis hin zu dramatischen Situationen, wo es keinen Handlungsspielraum mehr gibt, keine Entscheidungen mehr möglich sind. Wo man aussichtslos in der Not gefangen ist. Die Betroffenen können die Wohnung nicht angemessen warm halten, geschweige denn unerwartete Ausgaben tätigen. Außerdem sind arme Menschen häufiger krank und müssen oft in überbelegten, feuchten, schimmligen Wohnungen leben. Armut macht einsam und nimmt Zukunft. 

Viele, die arm sind, schämen sich. Sie ziehen sich zurück. Darum macht Armut einsam. Von Armut betroffene Menschen leben in einer „beengten Welt“, sie ringen um den Gestaltungsraum, den sie zum Überleben brauchen.

Wie viele Menschen leben in Armut?

Die aktuelle Armutsgefährdungsschwelle (60% des Median-Einkommens) beträgt 1.827 € monatlich für einen Einpersonen-Haushalt (12 Mal im Jahr) bzw. 21.928 € im Jahr. Der Wert erhöht sich um den Faktor 0,5 pro weitere erwachsene Person im Haushalt und um den Faktor 0,3 pro Kind (unter 14 Jahre) im Haushalt.

HaushaltstypFaktorMonatswert
1-Personen-Haushalt1,01.827 €
1 Erwachsen:er + 1 Kind1,32.376 €
2 Erwachsene1,52.741 €
2 Erwachsene + 2 Kinder2,13.837 €
  • 2% der österreichischen Bevölkerung (148.000 Menschen) leben in Armut und sozialer Ausgrenzung (manifeste Armut). Für sie kommen wenig Geld und schlechteste Lebensbedingungen zusammen, treten Einkommensarmut und erhebliche materielle und soziale Deprivation gleichzeitig auf. Ist ein Hinweis auf schwierigste finanzielle und soziale Lebensbedingungen.
  • 2,9% der österreichischen Bevölkerung (261.000 Menschen) sind „erheblich materiell depriviert“ (deprivare heißt „beraubt sein an“), darunter fallen Haushalte, die ein so geringes Einkommen haben, dass wesentliche Güter/ Lebensbereiche nicht leistbar sind - z.B. Waschmaschine, Wohnung angemessen warm zu halten, unerwartete Ausgaben zu tätigen, Freunde einzuladen, … Zeigt soziale Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe an, geht von Mindestlebensstandards aus. Gesunken auf Niveau vor der höchsten Teuerung (2022, 2023).
  • 15,9% der öster. Bevölkerung (1.441.000 Menschen) sind armutsgefährdet, d.h. haben ein Einkommen unter der Armutsschwelle (Einkommensarmut). Zeigt soziale Ungleichheit an, wie stark die Ärmeren von der Mitte der Gesellschaft & des Wohlstands „abgehängt“ sind, sagt nichts über konkrete Lebensbedingungen aus. Ist gestiegen. Die obersten und mittleren Haushaltseinkommen haben stärker von Lohnsteigerungen und Sozialleistungen profitiert als das untere Einkommensdrittel, am wenigsten die ärmsten 15%.
  • 18,8% der öster. Bevölkerung (1.699.000 Menschen) sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, d.h. das Einkommen liegt unter der Armutsschwelle oder die Personen sind erheblich materiell depriviert oder leben in Haushalten mit keiner/ sehr geringer Erwerbsintensität.

Besonders von Armut und Ausgrenzung bedroht sind neben Kindern (24%), Arbeitslose (60%), Alleinerziehende (48%) und alleinstehende Frauen in der Pension (30%). Mit großen Problemen sind Menschen mit chronischer Erkrankung konfrontiert. Und die hohen Wohnkosten bringen viele an den Rand. Die Belastung mit Wohnkosten ist von 1,2 Millionen (13%) im Jahr 2022 auf 2,6 Millionen (29%) gestiegen.

Eine Übersicht zu den aktuellen Armutszahlen findet sich auf der Website der Statistik Austria

Details im Tabellenband: EU-SILC 2025 Tabellenband

Effektive Hilfen braucht es bei Kinderarmut, älteren Arbeitslosen, Altersarmut und chronischen Erkrankungen. Denn besonders von Armut gefährdet sind Kinder, Frauen im Alter, Alleinerzieherinnen und Langzeitarbeitslose. Mit großen Problemen sind Menschen mit chronischer Erkrankung konfrontiert. Außerdem bringen hohe Wohnkosten viele an den Rand.

Martin Schenk, Diakonie-Sozialexperte

303.000 Personen aller Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten sind Kinder, in Ein-Eltern-Haushalten Lebende sind zu 46 Prozent armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, Familien mit mindestens drei Kindern zu 25 Prozent. Unter den Pensionsbeziehenden sind alleinlebende Frauen mit 29 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich betroffen.

Quelle: Statistik Austria 2021

Menschen, die dauerhaft unter der Armutsgrenze leben müssen, haben einen dreimal schlechteren Gesundheitszustand als Menschen mit hohem Einkommen und sind doppelt so oft krank wie Menschen mit mittlerem Einkommen.
Im untersten Fünftel der Einkommensbezieher:innen ist der Anteil der an Depressionen Erkrankten mit 18,5 Prozent am höchsten – im obersten Fünftel hingegen ist der Anteil am niedrigsten (drei Prozent).
Kinder mit Armutserfahrung sind öfter krank, sie können schlechter einschlafen, haben öfter Bauch- oder Kopfschmerzen, häufiger depressive Verstimmungen, empfinden Schmerz viel stärker und haben einen schlechteren Start von Geburt an.

Kinder aus armen Familien können es sich nicht leisten, ihren Freund:innen ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. 81.000 Kinder können an keinen Freizeitaktivitäten teilnehmen, die Kosten verursachen, 27.000 Kinder können keine Freunde zum Spielen und Essen nach Hause einladen, 20.000 bei kostenpflichtigen Schulaktivitäten nicht mitmachen.

Quelle: Statistik Austria, EU SILC 2018

In jedem Land hat der soziale Hintergrund eine Auswirkung auf den Bildungserfolg. In Österreich ist dieser Anteil aber besonders hoch. 16 Prozent der Leistungsunterschiede sind ausschließlich durch soziale Benachteiligung bestimmt.  

Quelle: OECD

Tipp: Bildungsbegleitung –  wir machen uns gemeinsam für eine gute Schule stark! Die Diakonie hilft, miteinander Herausforderungen im Schulalltag zu bewältigen.

Existenzsichernde Löhne und Arbeitslosengelder sind ein wesentlicher Beitrag zur Armutsvermeidung. 297.000 Menschen leben in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbsarbeit nicht reicht, um die eigene Existenz – und die der Kinder – zu sichern. 143.000 dieser „Working Poor“ sind Haushalte mit Kindern. 

Quelle: Statistik Austria, 2021

Billig einkaufen müssen heißt teuer bezahlen – mit geringer Haltedauer und hohen Stromkosten. Billige Elektrogeräte beispielsweise haben oft eine geringe Haltedauer und verursachen hohe Stromkosten.

30 Prozent aller Menschen in Österreich berichten von einer schweren Wohnkostenbelastung. Elf Prozent leben in feuchten, schimmligen Wohnungen. Sieben Prozent wohnen in zu engen, überbelegten Wohnungen. Vier Prozent können es sich nicht leisten, ihr Zuhause angemessen warm zu halten

22.741 Menschen waren 2018 in Österreich laut verfügbaren Daten der Statistik Austria als obdach- oder wohnungslos registriert. In dieser extremen Form „sieht“ man die Armut auch. Als obdachlos bezeichnet man Menschen, die im öffentlichen Raum leben, etwa auf der Straße oder unter Brücken, sowie Menschen, die in Notschlafstellen oder Wärmestuben schlafen. Als wohnungslos gilt, wer etwa in Übergangswohnheimen oder zeitlich befristeten Unterkünften lebt.

Starke Sozialstaaten reduzieren Abstiegsgefahr und schützen die Mitte vor Armut.

Sozialleistungen tragen entscheidend zum sozialen Ausgleich bei und wirken armutspräventiv. Sie reduzieren die Armutsgefährdung von 44 auf 15 Prozent. Am stärksten wirken

  • Arbeitslosengeld,
  • Notstands- und Mindestsicherung
  • sowie Wohnbeihilfe

Auch der soziale Wohnbau sowie Gesundheits- und Bildungsmaßnahmen haben eine starke – auch vorbeugende – Wirkung gegen Armut. 

Sozialleistungen schützen und stützen die Bevölkerung. Da sind gerade auch jene Leistungen wie die Mindestsicherung dabei, die in eine gekürzte Sozialhilfe umgewandelt wurde. Und: Während die Lohneinkommen und die Vermögen auseinandergehen, bleiben die Haushaltseinkommen in Österreich relativ stabil. Die soziale Schere geht auf, der Sozialstaat gleicht aus.

Ein Mitarbeiter im 's Häferl der Diakonie überreicht einem Gast draußen eine warme Suppe
Eine warme Mahlzeit für jeden. / © Lukas Plank

Österreich armutssicher machen

Eine gute Mindestsicherung hilft uns allen, in einem sozialen und sicheren Land zu leben. Sie sollte ein Mindestmaß an Selbstbestimmung sichern und helfen, Not abzuwenden – nicht das Leben noch schwerer machen.

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